Karl Oberhofer

Die römerzeitliche Holzbausiedlung von Schönberg

(MG Hengsberg, VB Leibnitz)

Ein neuer Siedlungstyp in der Kulturlandschaft des Laßnitztales

 

Zusammenfassung:

In der KG Schönberg (MG Hengsberg, VB Leibnitz) wurde zwischen Juli 2007 und März 2008 ein nahezu 4,5 Hektar großes Siedlungsgebiet freigelegt. Das Areal liegt in der nördlichen Talrandzone abseits des nachgewiesenen römerzeitlichen Hauptverkehrswegs. Die Auswertung erbrachte den Nachweis von mehreren römerzeitlichen Pfostenbauten, welche in einem offenen ungegliederten Siedlungsbereich errichtet wurden. Im Randbereich der Grabungsfläche konnten die Reste eines dazugehörigen Gräberfeldes erfasst werden.

Unter den Funden sind eine eiserne Schnellwaage aus der 2. Hälfte des 2. Jh. , eine im heutigen Österreich erstmals aus gesicherten römerzeitlichen Kontexten stammende Bartaxt und eine Baumsichel besonders hervorzuheben, welche zusammen en bloc geborgen wurden. Neben weiteren spärlichen Metallfunden und Keramikimporten wie Terra Sigillata und glasierte Ware gibt ein umfangreiches grobkeramisches Spektrum Aufschluss über die materiellen Hinterlassenschaften der Bewohner dieser Siedlung.

Der bis dato unbekannte Siedlungstyp unterscheidet sich deutlich von den bekannten Vici und Villenanlagen der Römerzeit im Ostalpenraum und legt Zeugnis ab von einer intensiv genutzten, landwirtschaftlich geprägten römerzeitlichen Kulturlandschaft im heutigen Laßnitztal.

 

Abstract:

Between July 2007 and March 2008 a settlement area of nearly 4.5 acres in size was excavated in the KG Schönberg (MG Hengsberg, VB Leibnitz). The site is situated closely to the northern valley border, apart from the known Roman period main road. In this paper Roman period post buildings are analyzed, which were erected in an unstructured inhabited area. In this site a pottery kiln and a well were detected, too. In the marginal zone of the excavation area the remains of a burial ground were localized, which was used at least from the first half of the second century to the second half of the fourth century.

Among the most significant findings are a steelyard beam from the second half of the second century, a bearded axe - dating from verified Roman period contexts for the first time in modern-day Austria - and a sickle, which were recovered together en bloc.

In addition to other ceramic imports like Terra Sigillata and glazed ware, an extensive range of coarse ware gives information about the material legacy of the inhabitants of this settlement.
The previously unknown type of settlement differs significantly from the well-known Vici and the Roman villa complexes in the eastern Alps and is a testimony of an intensively used, predominantly agricultural landscape in the Roman period of today’s Laßnitz Valley.

 



Die Ergebnisse einer im Frühjahr 2008 beendeten Rettungsgrabung, die ca. 25 km südwestlich von Graz an der Trasse der Koralmbahn von der Fa. ARGIS Archäologie Service GmbH im Auftrag der ÖBB Infrastruktur Bau AG durchgeführt wurde, erbrachten neue Erkenntnisse zur ländlichen Besiedlung Noricums.

Die umfangreichen Baumaßnahmen für eine Eisenbahn-Hochleistungsstrecke von Graz nach Klagenfurt auf dem Gebiet der MG Hengsberg, VB Leibnitz brachten in der KG Schönberg ein knapp 4,5 Hektar großes Siedlungsgebiet zum Vorschein (vgl. Planabbildung).

Die in der Planungsphase der Koralmbahn durchgeführten Surveys zielten schwerpunktmäßig auf den Talbodenbereich ab. Wie sich bereits damals abzeichnete, ist im mittleren und unteren Laßnitztal eine dichte römerzeitliche Besiedlung anzunehmen[1]. Schwerpunktmäßig reihten sich Siedlungsstellen entlang der römischen Straße auf. Wenngleich das hier vorgestellte Areal nahe der Hofstelle Lippmichl unentdeckt blieb, wurde im Bereich zwischen Matzelsdorf und Schönberg eine Siedlung vermutet[2].

Von August 2007 bis März 2008 wurde zwischen 302 und 321 m Meereshöhe etwa 15 m über dem heutigen Talboden ein mehrphasig besiedeltes Gebiet archäologisch untersucht. Das Siedlungsareal erstreckt sich auf einer Terrasse und flachen Hanglagen teilweise in einem Waldgebiet und unter 0,6 – 1,5 m mächtigen Kolluvien über der südlich nach Osten fließenden Laßnitz, ehe es am Nordhang ausläuft.

Die römerzeitlich besiedelte Fläche erstreckt sich im Vergleich zu den prähistorischen Befunden schwerpunktmäßig hangaufwärts Richtung Norden über dem heutigen Talboden. Im 1 und 2. Jh. n. Chr. dürfte die Siedlung fast auf halber Höhe der das Laßnitztal einrahmenden Hügel gelegen sein. Bei den Befunden handelt es sich um eine Vielzahl von Pfostenstellungen und mehrere orthogonal zusammenlaufende Gräben, die u.a. als Reste von Entwässerungsgräben angesprochen werden können.

Wegen des fast vollständigen Fehlens des Baustoffes Stein wurden einfache zweckdienliche Gebäude in Holz ausgeführt. Hierbei handelt es sich ausschließlich um Pfostenbauten, deren Größe und Ausrichtung zueinander an eine Siedlung mit rein landwirtschaftlicher Wirtschaftsgrundlage denken lassen.

Erwähnenswert für den Südabschnitt der Grabungsfläche ist der Nachweis eines Schachtbrunnens mit hölzernem Innenausbau. Dieser erscheint mit einer Tiefe von knapp drei Metern auf den ersten Blick nicht besonders eindrucksvoll und dessen erhalten gebliebene Holzreste können wegen der geringen Menge nicht mehr dendrochronologisch ausgewertet werden.

Am südlichen Ende des Grabungsareals finden sich die kreisförmigen Entnahmegräben von drei einplanierten Grabhügeln, welche ca. 800 m nördlich der mittlerweile zwingend anzunehmenden Trasse der römischen Straße durch das Laßnitztal[3] liegen.

Die Gesamtausdehnung der römerzeitlichen Strukturen dieses Siedlungsplatzes ist noch nicht bekannt, da lediglich der Ost-Abschluss des Siedlungsgebietes dokumentiert werden konnte.

Das Fundmaterial aus Bronze, insbesondere Münzen, ist wenig umfangreich und der Lösung des Datierungsproblems nicht unbedingt dienlich. In vergleichsweise mächtigen Grabenfüllungen findet sich hauptsächlich eine große Masse lokaler norischer Grobkeramik von zuweilen eingeschränkter Qualität, einfacher Machart, oft grob gemagert, meist handaufgebaut und auf der Töpferscheibe nachgedreht. Nennenswert ist die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der Fundstücke, die als Fragmente norischer Töpfe eingestuft werden, zunächst noch in einer starken latènezeitlichen Tradition stehen und später in einem typischen Formenkreis der Grobkeramik aus Ost-Noricum aufgehen[4].

Kennzeichnend ist das fast gänzliche Fehlen von Terra Sigillata im Fundaufkommen; zudem erschwert der schlechte, durch Ablagerung in häufig wasserführenden Gräben stark verwaschene Erhaltungszustand die Bestimmung. Die Reste der Engobe und die schemenhaft erhaltenen Punzen lassen an süd- und mittelgallische Importe denken, ein fundierter Nachweis ist angesichts des Erhaltungszustandes mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht möglich.

Überwiegend hellgraue Ware aus feingeschlämmtem Ton mit unterschiedlicher Oberflächenbehandlung findet sich häufiger und tritt hauptsächlich in Form von Tafelgeschirr auf. Neben einer Vielzahl von Deckeln sind Teller und Backplatten recht häufig anzutreffen, ihr datierender Faktor ist allerdings als gering einzustufen. Rottonige und gelblich-ockerfarbene Ware ist äußerst selten und leider wenig aussagekräftig, da es sich in der Regel um Wandscherben von Krügen, Schüsseln und Reibschüsseln handelt.

Das mengenmäßig wenig umfangreiche Fundmaterial aus Eisen umfasst neben einer vergleichsweise geringen Anzahl von Eisennägeln auch einige Fragmente stark korrodierter Messer und Bestandteile bäuerlicher Gerätschaften wie Achsnägel für Wagen u. ä. Erwähnenswert ist jedoch ein im Block geborgener Eisenhort aus der Verfüllung einer Kreisgrabenanlage. Dieser umfasst eine Schnellwaage, eine Bartaxt und eine Baumsichel.

Von Bedeutung erscheint auch der Nachweis zahlreicher Fragmente von Tegulae. Ihre eigentliche Bestimmung als Dachdeckung ist nicht nachzuweisen. Ein Gutteil des fragmentiert angetroffenen Ziegelmaterials hat eine Nutzung als Keilstein-Ersatz in den mehr als zahlreich anzutreffenden Pfostengruben dieses überaus steinarmen Landstrichs erfahren. Ein systematisches Verbauen beispielsweise von eingetieften Feuerstellen im Gebäudeinneren mit Schwerkeramik konnte im Befund nicht nachgewiesen werden.

Mit dem wenig aussagekräftigen Keramikspektrum und den spärlichen Metall- und Münzfunden aus Schönberg geht eine erhebliche Datierungsproblematik einher. Das nahezu gänzliche Fehlen von Importkeramik lässt keinen lokalen Datierungsansatz der vorherrschenden Grobkeramik zu, sodass man sich mit Vergleichen hauptsächlich im regionalen und – wenn auch in geringem Umfang – überregionalen Bereich behelfen muss, um wenigstens eine grobe zeitliche Einordnung der Befunde vornehmen zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass die Laufzeit der in Schönberg auftretenden Keramik die Nutzungszeit einzelner Holzgebäude um ein vielfaches übersteigt.

Maßgeblich stellte sich die Frage, welcher vermutlich neue römerzeitliche rurale Siedlungstyp hier über weite Flächen ergraben werden konnte. Die Befundsituation erlaubt im Abgleich mit regionalen Vergleichsbeispielen keine Einordnung in die bekannten Schemata von Villen und Vici. Eine Ansprache als Mansio oder Mutatio verbietet sich mit Hinweis auf die Lage der Siedlung abseits der römischen Straße und ihre Einbindung in die Kulturlandschaft des unteren Laßnitztales. Somit muss bei der Siedlung von Schönberg von einer Klein-Siedlung oder größeren Höfegruppe ausgegangen werden, deren Ansprache mit der Bezeichnung „Weiler“ wohl am ehesten das bekannte Spektrum der römerzeitlichen Siedlungsformen mit Ausnahme von Villen und Einzelgehöften nach unten hin abrundet. Bei diesen Überlegungen gilt es auch, demografische und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen.

Mit dem jetzigen Wissenstand muss davon ausgegangen werden, dass die römische Siedlung von Schönberg nach einem ersten Prosperieren ab dem 1. Jh. n. Chr. eine anderswo festgestellte Steinbauphase in Ermangelung des Baumaterials nie erlebt hat, ehe im 4. Jh. n. Chr. die Absiedlung eingeläutet wurde.

 

 

LITERATUR:

Fuchs u. a. 1998

G. Fuchs/G. Harer/I. Kainz/K.-M. Schneider: Ein Modellfall für die Zusammenarbeit zwischen Planung und archäologischer Denkmalpflege am Beispiel der Koralmbahn Graz - Klagenfurt im Abschnitt Werndorf - Deutschlandsberg. Fundberichte aus Österreich 36, 1997, (Wien 1998) 269 – 280.

 

Fuchs 2006

G. Fuchs, Untersuchungen an der römischen Straße im Laßnitztal, Fundberichte aus Österreich 44, 2005; (Wien 2006) 301-346.

 

Sedlmayer/Tiefengraber 2006

H. Sedlmayer/G. Tiefengraber (Hrsg.), Forschungen im südoststeirischen Vicus am Saazkogel (Steiermark) (Wien 2006).

 

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Abb. 1: Das Grabungsareal von 2007/2008. © ARGIS 2007/2008 © Karl Oberhofer 2011.

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Abb. 2: Ansicht eines Teils der Grabungsfläche bei Schönberg gegen Nord-Nordwest. © ARGIS 2007/2008.

 

 

 



[1]Fuchs u. a. 1998, 279.

[2] Ebenda, 279.

[3] Fuchs 2006, 301-346.

[4] Sedlmayer/Tiefengraber 2006, 191-217.