Projekte und Forschung

Kontinuität und Wandel - ländliche Siedlungsstrukturen an der oberen Drau von der Eisenzeit bis zur Spätantike 

Kultkontinuität auf dem Klosterfrauenbichl in Lienz - Vom Stammesheiligtum der Laianken zum ländlichen römerzeitlichen Kultplatz

Oberhalb des Brauhauses Falkenbräu in Lienz befindet sich auf dem Klosterfrauenbichl ein Fundplatz von besonderer Bedeutung, im dem in den Jahren 2014 und 2018 archäologische Ausgrabungen durchgeführt wurden. Sowohl auf der Hügelkuppe als auch auf den Terrassen des Hügels lassen sich Spuren des latène- und römerzeitlichen Heiligtums nachweisen.

Aus keltischer Zeit stammen viele Weihegaben wie kleinformatige eiserne Feuerböcke mit Stierkopfenden, einzelne Fibeln, bronzene Votivleche mit Punzverzierung und zahlreiche Kleinsilbermünzen. Von besonderem Interesse ist eine bronzene Votivfigur eines nackten Kriegers, der wohl in den beiden Händen Waffen trug. Bisher konnten keine baulichen Befunde mit Sicherheit der Latènezeit zugewiesen werden, aber trotzdem lässt sich der Platz als Stammesheiligtum der Laianken bestimmen. Ein deutlicher Hinweis darauf ist der Fund mehrerer Fragmente einer Carnyx, der keltischen Kriegstrompete mit Wildschwein- oder Drachenkopf.

4. Bronzene Votivfigur
Abb. 1: Bronzene Votivfigur

 

5. Latènezeitliche Miniaturfeuerböcke
Abb. 2: Latènezeitliche Miniaturfeuerböcke

Mit dem Alpenfeldzug der römischen Armee gelangte das für die Kelten so wichtige Heiligtum in einen überregionalen Fokus und in der frühen Kaiserzeit zur größten Blüte. Waffenfunde und zahlreiche Schuhnägel römischer Legionäre legen einen Angriff auf den heiligen Platz nahe, in den sich die heimische Bevölkerung wohl zurückgezogen hatte. 

Mit der fortdauernden Anwesenheit der Römer und der Provinzwerdung Noricums wurde der Hügel mit einer sorgfältig gesetzten und verputzten Umfassungsmauer umgeben. Diese verlief von der höchsten Stelle der Hügelkuppe ausgehend entlang der nördlichen und südlichen Hangflanken hinab bis zur tiefer liegenden Hangtrasse der Altstraße, die vermutlich zumindest schon in römischer Zeit Bestand hatte. Im Bereich des Kontaktpunktes von Umfassungsmauer und Altstraße ist mit einer entsprechenden Torsituation zu rechnen. Aufgrund eines nicht nach fortifikatorischen Bedürfnissen ausgerichteten Verlaufs der Mauer und wegen des Fehlens jeglicher Hinweise auf Turmanlagen ist diese Umfassungsmauer als Temenosbegrenzung und nicht als Befestigungswerk anzusprechen. Sie wurde schon an mehreren Stellen des Hügels nachgewiesen.

In derselben Mauertechnik und mit demselben Verputz wurde im unteren Abschnitt des Hügels eine Terrassierungsmauer errichtet, die bisher in einem Abschnitt auf einer Länge von annähernd 15 m freigelegt wurde. Aufgrund der bergseitigen Hinterfüllung des vormaligen Hangverlaufes und eines kontemporären Pfostenloches auf einem höher liegenden Niveau kann die ursprüngliche Höhe mit mindestens 2,5 m angenommen werden. Das einzelne Pfostenloch mit einem Versatz von Keilsteinen, die bis zu 0,7 m Länge aufweisen, deutet auf die Errichtung eines sehr großen hölzernen Males (bis zu 10 m) an dieser Stelle hin, das zu einem kultisch sehr wichtigen Platz innerhalb des Heiligtums gehört.

Auf der Hügelkuppe (792 m Seehöhe) erstreckt sich einerseits die in etwa Nord-Süd-verlaufende Temenosmauer und andererseits parallel dazu eine rechteckige Steinsetzung aus flachen Platten (14,8 m x >11,5 m), von der die West-, Nord- und Ostseite freigelegt wurden.

1. Steinfundamentierung auf der Hügelkuppe und Abschnitt der Temenosmauer
Abb. 3: Steinfundamentierung auf der Hügelkuppe und Abschnitt der Temenosmauer

Die Steinplatten dienten entweder als Fundamentierung eines in Holz errichteten Tempelgebäudes oder als Befestigung eines rechteckigen Bereiches auf der Hügelkuppe. Gegen eine Interpretation als Altar sprechen sowohl die Größe von mindestens 170 m² als auch das Fehlen entsprechender Brandspuren. Die im Westen noch bis zu 1 m im Aufgehenden erhaltene und 1,3–1,4 m breite Umfassungsmauer ist auch am nördlichen Abhang der Kuppe nachweisbar. Sie ist hier 1,5 m stark mit einem 0,4 m vorspringenden einlagigem Fundament. Die etwas größere Breite resultiert wohl aus der zusätzlichen Funktion als Terrassierungsmauer für das Gipfelplateau. 

2. Arbeiten auf der Hügelkuppe
Abb.4: Arbeiten auf der Hügelkuppe

Auf den am Hügelrücken tieferliegenden Terrassen waren mehrfach Pfostengruben und Pfostenauflagesteine nachweisbar, die aufgrund orthogonaler Anordnung und gleichmäßiger Distanzen eher auf Holzgebäude denn auf etwaige Opferpfähle oder Tropaia schließen lassen.

3. Terrassierungsmauer
Abb. 5: Terrassierungsmauer

Von besonderer Aussagekraft sind mehrere hundert archäologische Fundstücke der römischen Epoche, die im Lauf der Zeit im Heiligtum kultisch deponiert worden sind und ein einzigartige Repertoire für Tirol und ganz Österreich darstellen. Auch in der römischen Kaiserzeit wurden Münzen, Schmuck und Fibeln in großen Mengen niedergelegt.

6. Doppelknopffibel in Fundlage
Abb. 6: Doppelknopffibel in Fundlage

Bezeichnenderweise für ein rurales Heiligtum sind figürliche Votivstatuetten aus einer Zinn-Blei-Legierung, die in zwei Schalen gegossen wurden und die nahezu das gesamte antike Pantheon repräsentieren. Insgesamt wurden bisher rund 550 Fragmente in unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Erhaltungszustand geborgen. Erosionsprozesse sind hauptsächlich für den vielfach großen Fragmentierungsgrad und deformierten Zustand der Votive verantwortlich. Mit Sicherheit lassen sich Jupiter, Merkur und Mars und vielleicht auch Bacchus sowie Venus, Fortuna, Victoria und Minerva nachweisen. Dazu kommen noch Begleiter der Venus Priapos, einige unbestimmte Gottheiten, ein dreifiguriges Votiv wahrscheinlich der Nymphen und ein Eber mit Opferbinde.

7. Zinn-Bleivotiv: Minerva
Abb. 7: Zinn-Bleivotiv - Minerva
8. Zinn-Bleivotiv: Opferschwein
Abb. 8: Zinn-Bleivotiv - Opferschwein

Diese Weihegaben konnten zwar in Massen zu produziert werden, aber sie haben in der bisherigen Forschung noch wenig Beachtung erfahren. Einzelfiguren und größere Komplexe sind aus Noricum (z.B. Straßfried bei Thörl-Maglern) und vor allem aus Pannonien und Moesien bekannt, wobei in einzelnen Provinzen regionale typologische Unterschiede festzustellen sind. Bestimmte Typen von Göttern erfuhren eine weite Verbreitung und von besonderer Relevanz sind modelidentische Votive an einzelnen Orten. Das Heiligtum in Lienz mit diesen vielen Votiven stellt sich in diesem Zusammenhang als besonders interessant dar, weil hier erstmals der Fundzusammenhang in einem Heiligtum eindeutig erkannt und analysiert werden kann.

Als zentrale Forschungsfragen werden folgende Aspekte untersucht: Wie lief der militärische Konflikt mit Ankunft der römischen Armee um und im keltischen Stammesheiligtum ab? Wie verändern sich das Heiligtum und die kultischen Aktivitäten unter den neuen Machthabern? Wie ist der Bezug des Heiligtums zum nahegelegenen Municipium Aguntum und warum bildet sich die soziale städtische Elite bislang im Stammesheiligtum nicht ab, obwohl eine Frequentierung bis ans Ende des 4. Jhs. nachweislich ist? 


  Kontakt: gerald.grabherr@uibk.ac.atbarbara.kainrath@uibk.ac.at

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