Forschungen auf dem Burgbichl in Irschen

Im Sommer 2016 wurden auf dem Burgbichl in der Gemeinde Irschen in Kärnten erstmals archäologische Untersuchungen durchgeführt. Die Ausgrabungen wurden im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Instituts für Archäologien/Fachbereich Archäologie der Römischen Provinzen unter der Leitung von Assoz.-Prof. Dr. Gerald Grabherr und Dr. Barbara Kainrath durchgeführt und von der Universität, dem Bundesdenkmalamt sowie der Gemeinde Irschen finanziell unterstützt.

Anlass dieser Ausgrabung waren nach einem freundlichen Hinweis des Heimatforschers Dietmar Simoner Begehungen des Hügels im Vorfeld, nachdem wobei Mauern unter dem aktuellen Bewuchs sichtbar waren. Eine primäre Forschungsfrage stellte die chronologische Einordnung der Fundstelle dar und es sollte zudem der Erhaltungszustand möglicher Gebäude beurteilt werden.

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Abb. 1: Lage der Fundstelle im oberen Drautal.

Ausschlaggebend für eine Bewertung der Fundstelle war zunächst die Topographie. Die Gemeinde Irschen liegt im oberen Drautal (Abb. 1), die meisten Ortsteile befinden sich im Norden des Tales an den Abhängen der Kreuzeckgruppe. Der Burgbichl erhebt sich jedoch an der Südseite der Drau circa 770 m über dem Talboden (Abb. 2). Ein Zugang ist nur von Norden kommend möglich, die anderen Seiten sind sehr steil und schwer bezwingbar, was strategische Vorteile mit sich bringt. Auf der Kuppe erstreckt sich ein trapezförmiges Areal von einem knappen Hektar, das als Siedlungsplatz zur Verfügung steht. Dieser erstreckt sich auf Hängen und einzelnen Plateaus und wird zumindest an der Nordseite von einer Mauer umgeben. Vor allem im Osten zeichnen sich einzelne Terrassen ab. Alle diese Merkmale könnten für eine Interpretation als spätantike Höhensiedlung sprechen, was den Ausgangspunkt der Untersuchungen darstellte.

abb_02Abb. 2: Der Burgbichl: Blick von Norden.

Es wurde an drei Stellen des nördlichen Abhanges Grabungsflächen angelegt. Die erste Fläche betrifft die Mauer, die im Norden die Fläche begrenzt. Sie ist an mehreren Stellen im Gelände als leichter Wall zu erkennen und sie kann als Umfassungsmauer angesprochen werden, die eine Breite von ca. 1,5 m aufweist und aus unterschiedlich großen Bruchsteinen, die teilweise behauen sind, errichtet wurde (Abb. 3). Sie ist bis zu einer Höhe von 1,5 m erhalten und sie sitzt auf einem Schotterpaket. Bei diesem dürfte es sich um umgelagertes Material handeln, das für den Unterbau der Mauer verwendet wurde. Aus dem Schotterpaket stammen auch einzelne Funde, die einen chronologischen Anhaltspunkt liefern. Zum einen trat eine Scherbe eines Sigillattatellers aus nordafrikanischer Produktion zu Tage und zum zweiten erlaubt ein Antoninian des Gallienus (RIC 236 MIR 569a) die Fixierung eines terminus post quem für die Errichtung der Mauer (265/266 n. Chr.). Damit könnte eventuell eine Siedlungstätigkeit auf dem Hügel bereits im 3. Jahrhundert vermutet werden.

abb_03Abb. 3: Umfassungsmauer. Blick nach Norden.

Die zweite Sondage lag südwestlich der Umfassungsmauer im postulierten Siedlungsbereich. Eine verziegelte Lehmplatte in fast quadratischer Form (Abb. 4) und der Fund mehrerer Schlacken an dieser Stelle sprechen für einen Werkplatz für die Metallverarbeitung.

abb_04Abb. 4: Werkplatz.

Das größte Untersuchungsareal befindet sich auf der höchsten Stelle des Burgbichls, wo sich ein Plateau von ca. 13 m mal 11 m erstreckt. Auch an dieser Stelle gab sich im Vorfeld der Grabungen ein westost-orientierter Mauerzug unter dem Waldboden zu erkennen, der hier den Ausgangspunkt der Ausgrabung darstellte.

Es wurden hier mehrere Abschnitte einer frühchristlichen Kirche, die von Westen nach Osten orientiert ist, aufgedeckt. In einer Fläche liegen Teile zum einen des langrechteckigen Hauptraumes, der mit einem Estrichboden ausgestattet war und zum anderen ein tiefer liegender schmaler Anbau, der über eine Stufenkonstruktion erschlossen wird (Abb. 5) und in einer zweiten Phase im Norden angebaut wurde. Dafür wurde – dem natürlichen Gelände angepasst – auf tiefer gelegenem Niveau die neue Außenmauer errichtet, die auf einem Schotterpaket aufsitzt, sowie ein Boden eingebracht, der sich beim momentanen Stand der Untersuchung als teilweise stark verkohlte Schicht zu erkennen gibt. In diesem Raum führt eine Treppe nach Osten, deren untere Stufe durch einen bearbeiteten Marmorstein gebildet wird. Durch seine Profilierung an der Schmalseite im Norden und durch das Zapfloch mit Gusskanal an der ehemaligen Oberseite zeichnet sich der Stein als Spolie aus. An den sichtbaren Seiten sind weder eine Inschrift noch ein Relief vorhanden.

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Abb. 5: Frühchristliche Kirche mit dem Marmorblock als Stufe. Blick nach Süden.

Im Osten des Hauptraumes liegt die Apsis, von der ein kurzer Abschnitt ausgegraben wurde. (Abb. 6). An der Innenseite wurde der Rest eines Estrichbodens dokumentiert und an der Außenseite setzt nach Nordosten verlaufend eine weitere Mauer an, die zu einem Anbau an die Apsis gehört. Auch in diesem Raum wurde vor allem entlang der Apsismauer ein Estrichboden festgestellt. Im Süden wurde ein weiterer Teil der Apsis freigelegt um ihre Breite erfassen zu können: Die innere Weite des Halbrunds beträgt 5,5 m.

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Abb. 6: Plan der untersuchten Abschnitte der frühchristlichen Kirche.

Der aktuelle Untersuchungsstand der Mauern lässt eine Rekonstruktion der Kirche zumindest im östlichen Abschnitt zu. Zunächst dürfte im Osten des zentralen langrechteckigen Hauptraumes, dessen Abschluss im Westen nicht angeschnitten wurde, sich aber im Gelände abzeichnet, nördlich und südlich kleine, annähernd quadratische Räume angesetzt gewesen sein, die mit dem Langraum einen kreuzförmigen Grundriss ergeben. In einer zweiten Phase wurde zumindest im Norden ein schmaler zusätzlicher Raum angebaut, von einem entsprechenden Anbau im Süden ist ebenfalls auszugehen. Der Bau wird im Osten durch die Apsis abgeschlossen, an die im Norden ein weiterer Raum anschließt, dessen Ostmauer an die Apsismauer angesetzt ist ohne einzubinden. Die Kirche ist 11,5 m breit und ihre Länge kann mit ca. 18,5 m erschlossen werden.

Der Grundriss lässt sich gut mit jenem der Kirche auf dem Duel bei Feistritz vergleichen, der ebenfalls einen langgestreckten zentralen Raum aufweist, an den einerseits schmale rechteckige Seitenräume sowie fast quadratische Räume im Osten aufweist. Zudem verfügt diese Kirche auch über einen Anbau an die Apsis, der als Sakristei angesprochen wird und der in diesem Fall im Süden liegt.

Mit den ersten archäologischen Untersuchungen auf dem Burgbichl in Irschen lässt sich nun eine noch nicht bekannte Höhensiedlung der Spätantike im westlichen Noricum greifen, die viel Potenzial für weitere Forschungsfragen bietet. Der Erhaltungszustand der Mauern (bis zu 75 cm der nördlichen Mauer des Hauptraums) und die Kirchenböden in großen Teilen lassen auch für die Gebäude der Siedlung eine entsprechende Befundsituation erwarten. Damit wäre die Möglichkeit gegeben, innerhalb der Häuser stratigraphisch relevante Resultate zu erzielen, die besonders für die spätantike Zeit in Noricum bedeutend und wegweisend wären. An zwei Stellen innerhalb des Siedlungsareals deuten auffällige Mulden auf Zisternen hin. Auf dem Hügel selbst gibt es keine natürliche Quelle, sodass die Bewohner auf das gesammelte Regenwasser angewiesen waren. Die Umfassungsmauer mit der erhaltenen Höhe von ca. 1,50 m ist an mehreren Stellen der Kuppe zu erfassen. Die Datierung dieser Mauer und ihre Bedeutung für die Siedlung wird ebenso Gegenstand künftiger Forschungen sein wie auch die Frage nach der Existenz von Türmen und nach der Lokalisierung des Tores. Ein Ofenbefund, der nahezu an die Mauer anschließt weist auf eine Bebauung entlang dieser hin, wie es beispielsweise auch von der Siedlung auf dem Duel bekannt ist. Der Vergleich mit anderen norischen Höhensiedlungen und die Einordnung in den historischen Rahmen der Spätantike sind schließlich weitere Themen, die im Rahmen eines Forschungsprojektes, das in Kooperation mit dem Institut für Kulturgeschichte der Antike an der ÖAW unter dem Titel „Kontinuität und Wandel. Ländliche Siedlungsstrukturen an der oberen Drau von der Eisenzeit bis in die Spätantike“ initiiert und durchgeführt wird, untersucht werden.