banner mittelalterarchäologie


Mittelalter- und Neuzeitarchäologie
in Forschung und Lehre an der Universität
Innsbruck

Geschichte des Fachs von 1989 bis heute

Bis Ende der 1980er Jahre gab es an keiner österreichischen Universität eine institutionalisierte Mittelalter-, geschweige denn Neuzeitarchäologie. 1985 begann Fritz Felgenhauer vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien die jährlich erscheinenden „Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich“ herauszugeben. Seitens der Abteilung Bodendenkmalpflege des Bundesdenkmalamtes wurden in den „Fundberichten aus Österreich“ zunehmend auch hoch- und spätmittelalterliche sowie neuzeitliche Fundnotizen in jeweils eigenen Rubriken veröffentlicht. Forschungen im Rahmen definierter Projekte jedoch hatten bestenfalls unsystematischen Charakter. Archäologische Untersuchungen etwa auf mittelalterlichen Burgen blieben zumeist noch privatem Ansporn überlassen. Hier leistete bis 1989 für Westösterreich (Tirol und Vorarlberg) vor allem Martin Bitschnau grundlegende Arbeiten (Scheibenbichl, Oberperfuß, Schlossberg/Seefeld, Hörtenberg, Pfaffenhofen, Arlberg/Arlberg u. a.). Orientierend bis vorbildhaft wirkten dabei hauptsächlich die einschlägigen Aktivitäten in den Nachbarländern Schweiz und Deutschland, Italien, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien.

Die Notwendigkeit einer universitären Integration des Faches Mittelalter- und Neuzeitarchäologie wurde behördlicherseits in Österreich zunächst sehr zurückhaltend beurteilt. Entsprechende Anträge waren nach mehrfachen Rückfragen vor allem von den wissenschaftstheoretischen, fachmethodischen und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten her zu begründen. Zudem konnte in höchst wirksamer Weise auf die Vorreiterrolle des 1982 in Deutschland gegründeten „Lehrstuhl für Mittelalterliche und Neuzeitliche Archäologie“ an der Universität Bamberg verwiesen werden.

Schließlich konnte mit Erlass des Bundesministers für Wissenschaft und Forschung vom 14. September 1989 dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Innsbruck eine „Abteilung für Mittelalterliche und Neuzeitliche Archäologie“ angegliedert werden. Mit der Implementierung des Universitätsorganisationsgesetzes 1993 (UOG 93) fand zehn Jahre später  relativ problemlos eine weitere Aufwertung statt, indem eine Umbenennung in „Institut für Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie“ beantragt und vom Senat der Universität Innsbruck ebenso wie vom Ministerium in Wien genehmigt wurde. Wichtig dabei waren zwei im Jahre 2000 erfolgreich durchgeführte Habilitationsverfahren (Harald Stadler: venia legendi für "Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie"; Helmut Rizzolli: dto. für „Mittelalter- und Neuzeitarchäologie unter besonderer Berücksichtigung der Numismatik“) deren Träger die Lehrbefugnis für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie verliehen bekamen und dem genannten Institut zugewiesen wurden. Eine weitere Habilitation von Alice Kaltenberger über mittelalterliche und neuzeitliche Keramik in Oberösterreich wurde im Jahre 2010 erfolgreich abgeschlossen.

Im Wintersemester 2003/04 wurde daher in Innsbruck die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie als eine separate Studienrichtung ausgewiesen. Abschlussarbeiten für das Bakkalaureat, Masterstudium und Doktorat könnten daher sowohl unter Ur- und Frühgeschichte wie auch unter Mittelalter- und Neuzeitarchäologie laufen. Ein Unterschied, der für den Universitätsabgänger bei Bewerbungen durchaus relevant sein kann.

Im Jahre 2006 sind im Zuge einer Radikalreform die Institute für Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie, Klassische und Provinzialrömische Archäologie zu einem Institut für Archäologien zusammengelegt worden. Damit hat man die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie wieder von einem Einzelfach auf einen Fachbereich reduziert, aber ein neues Studium geschaffen, das den Studierenden als einzige Universität weitum ermöglicht im Bakkalaureat Archäologien von der Steinzeit bis in die Neuestneuzeit zu studieren. Mittelalter- und Neuzeitarchäologie kann man in Innsbruck ab dem Master  zusammen mit Ur- und Frühgeschichte als Fachschwerpunkt wählen und sich auch im neuen Doktoratsstudium für diesen Zweig entscheiden.  

Aktuelle Aktivitäten in der Forschung

Mangels ausreichender Ressourcen kann die Forschung zur Mittelalter- und Neuzeitarchäologie in Innsbruck, wie andernorts auch, nur punktuell betrieben werden. Die Projektplanung hängt dabei wie immer von der Finanzierbarkeit ab. Es wird also hauptsächlich dort geforscht, wo sich Geldquellen öffnen.

Innerhalb der nationalen Forschung betreuen wir Westösterreich mit Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und Kärnten. International beteiligen sich derzeit Südtirol/Italien, Deutschland, Slowenien, Schweiz, Polen  und Sizilien an Projekten. Ein Unternehmen in Frankreich (Bauanalytische Aufnahme einer kleinen Burganlage in Saleich, Ariege Projektleiter: Harald Stadler) wurde erfolgreich abgeschlossen.

Weitere Arbeitsfelder bieten sich in der Stadtarchäologie (Innsbruck, Hall i. T., Lienz) und in der Erforschung von Burgen, angefangen von Ansitzen des Hochadels (Hofburg in Innsbruck, Schloß Tirol in Südtirol) bis hinab zu solchen des niederen Land- (Erpfenstein bei Kirchdorf i. T.) und Dorfadels (Türme in Langkampfen und Volders, Nordtirol).

Ein besonderes Augenmerk gilt auch aufgelassenen handwerklichen Betrieben. Zu nennen sind etwa die Sensenschmiede in Hopfgarten i. B. sowie Hafnereien in Osttirol/Lienz und Abfaltersbach, Egg/Vorarlberg und Oberösterreich. Zur letztgenannten ist zu sagen, dass dort die Forschungen zu einem Zeitpunkt eingesetzt haben, als das Denkmalensemble erst begann, zu einem archäologischen Objekt zu werden. Es bildet eine wesentliche  und bisher leider oft vernachlässigte Aufgabe der neuzeitlichen Archäologie, nicht solange zu warten, bis sich der Befund durch Verfall und/oder Abriss auf ein Bodendenkmal reduziert hat. Die archäologische Begleitung von bauhistorischen Projekten, die an sich der Bau- und Kunstdenkmalpflege obliegen, hat zumal in Tirol zu erheblich verbesserten Erkenntnis gewinnen geführt.

Der Fachbereich arbeitet neuerdings auch an einem Sonderforschungsprojekt der Universität Innsbruck HIMAT( = The History of Mining Activities in the Tyrol and Adjacent Areas – Impact on Environment and Human Societies) mit, das sich u. a. dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bergbau in Tirol widmet. Dieser spezifische Zweig der Mittelalterarchäologie, dem speziell Informationen von Bodendenkmälern und Funden des Berg- und Hüttenwesens als Quellen zugrunde liegen, soll in Zukunft auch stärker in der Lehre verankert werden. Forschungsinhalte sind Techniken, Geräte und Verfahren, Organisationsstruktur, Technologietransfer und Distributionsströme, aus welchen Erkenntnisse zur Kultur-, Sozial-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte zu erwarten sind. Über Partnerwissenschaften wie Archäometallurgie und Montanarchäometrie erfahren die Untersuchungsmethoden über und unter Tage eine naturwissenschaftliche Erweiterung.

Einen besonderen Schwerpunkt des Innsbrucker Fachbereiches stellt die Keramikforschung dar. Eine Reihe von Projekten widmen sich speziell der mittelalterlichen und neuzeitlichen Hafnereien in Tirol und Vorarlberg sowie Oberösterreich. Eine Untersuchung zu einer Steingutfabrikation in Tirol und Bayern konnte bereits abgeschlossen werden. Drei Aspekte finden dabei Berücksichtigung, nämlich die Produktionsstätte, die Distribution und das Verbrauchermilieu. Im Unterschied zur musealen Keramikforschung, bei der das Einzelobjekt im Vordergrund steht, wird hier versucht, den Weg von der Tongrube bis zur Abfallgrube nachzuzeichnen. Somit löst sich das Produkt aus seiner musealen Isolierung und bildet letztlich die Grundlage sozial-, wirtschafts- und handelsgeschichtlicher Fragestellungen.
Da in den Museen fast nur Prunk-, Repräsentations- und Feierabendkeramik gesammelt wurde, kommt hier der Neuzeitarchäologie eine weitere, wichtige Aufgabe zu, nämlich die Beibringung des Alltagsgeschirrs bzw. der Massenware als Forschungsgegenstand. Tatsächlich gibt es keramische Werkstätten/Fabriken, deren Produkte nicht als sammelnswürdig gelten und die bereits wenige Jahrzehnte nach Betriebseinstellung völlig in Vergessenheit geraten sind. Von den Erzeugnissen der Hussl`schen Steingutmanufakturen in Maierhofen, Kelheim und Hopfgarten beispielsweise blieb nur ein Stück, ein Kruzifix, museal und noch dazu anonym bewahrt. Die Rekonstruktion ihrer Produktpalette basiert nun ausschließlich auf gezielt angesetzten Ausgrabungen.
Anders hingegen die Bunzlauer Keramik, eine revolutionäre Erfindung, die in der Herstellung ohne das gesundheitsschädliche Blei auskommt. Bei dieser ist die archäologische Forschung bis in die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein deshalb unerlässlich, weil zufolge der Kriegsereignisse 1945 sämtliche örtlichen Bibliotheks- und Archivbestände verloren gegangen sind. Über archäologisch untersuchte Fundkomplexe gelingt es vornehmlich handelspolitischen und wirtschaftsgeschichtlichen Fragestellungen näher zu kommen. Wir versuchen das zwar von Innsbruck aus, müssen dabei aber immer wieder feststellen, dass gerade Fundschichten jüngerer Zeitstellung wie 18., 19. und erste Hälfte 20. Jahrhundert leider immer noch nicht die besondere Aufmerksamkeit der Ausgräber hervorrufen. Hier bedarf es noch einiger Aufklärungsarbeit seitens der Neuzeitlichen Archäologie.

Seit 2002 betreut der Fachbereich auch Projekte der Zeitgeschichtlichen Archäologie  genauer (Archeology of Modern conflict), die die beiden Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts umfassen. Ihre Behandlung in Forschung und Lehre befindet sich im Gegensatz zu Frankreich und England aber noch in den Kinderschuhen. Für den Ersten Weltkrieg steht das Projekt Karnischer Kamm in den Osttiroler Dolomiten im Vordergrund, dem einzigen Frontabschnitt auf Tiroler Boden und neben Kärnten dem einzigen innerhalb der heutigen österreichischen Staatsgrenzen. Mit der detaillierten Dokumentation persönlicher Gegenstände von Soldaten sowie ausgewählter „Schützengrabenkunst“ (trench-art) innerhalb einer Dissertation wurde eine erste Basis archäologischer Betrachtungsweise gelegt. Ergebnisse zur Ereignisgeschichte und Sachkultur liegen mit Publikationen (Isabelle Brandauer, Ludwig Wiedemayr, Christian Terzer, Harald Stadler) in Sammelbänden oder der institutseigenen Reihe Nearchos mit den neu eingerichteten Archäologisch-Militärhistorischen Forschungen schon vor. Die archäologische Erforschung des Zweiten Weltkrieges ist an zwei Projekten festzumachen. Dazu gehören Flugzeuge, die sich in Tirol und Vorarlberg mit entsprechend vielen potentiellen Funderwartungsgebieten in verschiedenen Fundmilieus finden, und sich großteils auf höher gelegene Bergregionen bis in die Gletscherregionen verteilen. Jeder dieser Absturz- und Notlandestellen ist streng archäologisch gesehen ein geschlossener Befund und somit ein Nukleus der Lokal- aber auch Individual-, Kriegs- und Mentalitätsgeschichte. Wie im Fall der Bunzlauer Keramik sind auch hier oft die schriftlichen Nachrichten äußerst dünn. Die Komplexität des archäologischen Befundes und der Funde erlaubt in vielen Fällen Fragestellungen nach dem Zweck, die über fragmentierte Schriftquellen nicht zu erschließen gewesen wären, und damit ist die Realie und die Methode der Archäologie zur Lösung von Problemstellungen mit höherwertiger historischer Relevanz befähigt.

Ein zweites interdisziplinäres Forschungsprojekt zum 2. Weltkrieg umreißt die Kosaken in Osttirol. Im Mai-Juni 1945 flüchteten ca. 25 000 Kosaken von Oberitalien/Friaul in die britische Besatzungszone und verblieben dort in Baracken und Lagern ca. einen Monat im Lienzer Talboden. Von den Flüchtlingen, die dann später an die Sowjetunion ausgeliefert wurden, sind uns hauptsächlich die Namen der Führungskräfte überliefert. Die Mannschaften und Familien bleiben über weite Strecken anonym, da zwar Stellungslisten angefertigt wurden, die aber verloren gingen oder von der Siegermacht Russland nicht freigegeben werden. Die eigentlich Betroffenen, die die Katastrophe überlebt haben, sind inzwischen zum größten Teil verstorben. Aus den Berichten der Zeitzeugen dieser Ereignisse in Osttirol konnte eine Fülle von Lagerplätzen und Versteckorten in Erfahrung gebracht werden. Mittels archäologischer Surveys und Suchschnitten in den Jahren 2005 bis 2008 gelang es sowohl Befunde (Lager- und Versteckplätze, Schmiede) als auch Kleinfunde (Erkennungsmarken, Münz- und Uhrenhortfunde, religiöse Anhänger etc) aus diesem Abschnitt der Zeitgeschichte zu entdecken. Damit glückte der Archäologie der Schritt aus der Anonymität des bloßen Objektes wieder heraus, da die Namen der einstigen Besitzer und  über die Erkennungsmarken Namen und sogar Blutgruppe zu identifizieren sind.

Aktivitäten in der Lehre

Angestrebt wird eine relativ frühe Einbindung der Studierenden in die betreffenden Forschungsprojekte des Institutes. Dabei wird von Anfang an darauf abgezielt, dass ein Projekt erst dann beendet ist, wenn die Abschlussveröffentlichung auf dem Tisch liegt, weshalb das Vermitteln von Publikationserfahrungen einen wesentlichen Anteil in der Lehre einnimmt. Wir beginnen dabei zumeist mit der Bearbeitung von Einzelfunden und kleinen Fundaufsammlungen in zeichnerischer Darstellung und Text für die Fundchroniken, nachdem hierfür in der begleitenden theoretischen Lehre die Kenntnisvoraussetzungen gelegt wurden. Die Analyse bereits veröffentlichter Forschungsergebnisse spielt ebenso eine wichtige Rolle wie die Einbindung der schriftlichen und ikonographischen Überlieferung, die ja in der vor- und frühgeschichtlichen Forschung allenfalls marginal herangezogen werden kann.  

Bezüglich der  Examensarbeiten bevorzugen wir die Behandlung überschaubarer Fundkomplexe mit den Abschnitten Abbildungsteil, Katalog und Auswertung. Da wir in Tirol hinsichtlich publizierter Fundmaterialien praktisch bei Null angefangen haben, dient dieses Programm primär der Grundlagenforschung durch Schaffung einschlägigen publizierten Quellenmaterials. Kompilatorische  Arbeiten sind folglich derzeit noch die Ausnahme. Als erste Versuche können Beiträge von Michael Schick über Musik- und Klanggeräte aus Tiroler Bodenfunden für das vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck herausgegebene Sammelwerk zur Musikgeschichte Tirols oder die Arbeiten von Konrad Spindler über die Beizjagd in Tirol, ausgehend von diversen Schellenfunden, gelten. In anderen Bereichen wie der Bauforschung werden mit fächerübergreifenden Lehrveranstaltungen zweckmäßige Wege beschritten. Um nämlich die in der Erde erhobenen Quellen mit den obertägigen sinnvoll zu verknüpfen und die Erkenntnisfülle zu erweitern wurde vom Verfasser im Sommersemester 1999 der Zyklus „Das Bauwerk als Quelle“ als fixer Bestandteil der Lehre installiert. Die Studierenden werden von Fachleuten aus Denkmalpflege und Bauforschung (Walter Hauser, Martin Mittermair, Markus Peskoller) in theoretischer wie anwendungstechnischer Hinsicht an aktuellen Projekten im In- und Ausland ausgebildet und geschult. Trotz geringer finanzieller Ressourcen wird in der Lehre auch die Anwendung von high-tech in der Archäologie wie Side-Scan-Sonar und Tauchroboting (Wolfgang Falch, der dem Fachbereich auch als Flugzeughistoriker zur Verfügung steht) angeboten und an aktuellen Projekten (Alkuser See, Hallstätter See) erfolgreich erprobt. Seit 2009 wird das wissenschaftliche Jahr mit einer Forschungsbilanz in Form eines Arbeitsworkshops abgeschlossen, in der alle im Fachbereich arbeitenden in- und externen Mitarbeiter über ihre Aktivitäten des Vorjahres berichten und diskutieren können. Dieser lief bis 2013 unter der Bezeichnung Feldforschungsbilanz, wurde aber ab 2014 in „Tag des Institutes für Archäologien“ umbenannt.

Um das sprichwörtliche Köcheln im eigenen Saft zu vermeiden, beteiligen sich die Mitglieder und die Studentenschaft des Fachbereiches soweit möglich an internationalen Treffen; bzw. veranstaltet auch Tagungen und Kolloquien. Hervorgehoben seien Vorbereitungen und Besuche von Kongressen, wie etwa des Arbeitskreises zur Keramikforschung oder des Konstanzer Arbeitskreises zur Handwerksforschung, Internationale Doktorandentagung in Hall i. Tirol, Kongress zur Archäologie des 1. Weltkrieges in Lusern und Ypern, oder der Tagung zu Kosaken im 1. und 2. Weltkrieg in Lienz. Auch sind wir bestrebt, auswärtige Kollegen/innen für Gastvorträge und Lehrveranstaltungen zu gewinnen, was freilich als Folge eingeschränkter Mittel derzeit nicht in wünschenswerter Breite stattfinden kann und oft genug von engagierten Institutsangehörigen privat bestritten wird. Zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse gibt der Fachbereich die Reihe NEARCHOS (Jahrbände Nearchos 1, 1993, bis 20, 2012; Nearchos Beihefte 1, 1993, bis 13, 2013; Nearchos Sonderhefte 1, 1998, bis 19,2012 und seit 2007 die Archäologisch-militärhistorischen Forschungen 1, 2007 bis 3, 2008) heraus.

Chancen des Faches im Fächerverbund des Zentrums

Die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie präsentiert sich als vorzüglich interdisziplinär ausgerichtetes Fach. Allerdings leidet es nach wie vor unter der weithin verbreiteten, äußerst geringen Akzeptanz seitens der historischen Wissenschaften und der aktive Beitrag der historischen Forschung ist auch in Innsbruck eo ipso auf Ausnahmen beschränkt. Die Schiene zwischen Archäologen und Historikern verläuft mithin, von löblichen Einzelfällen einmal abgesehen, noch sehr eingleisig. Diesem Mangel wird versucht mit fächerübergreifenden Lehrveranstaltungen wie Archäologie und Geschichte, Archäologie und Mentalitätsgeschichte, Archäologie und Soziologie, zeit- und raumübergreifenden Lehrveranstaltungen wie Archäologie der Stadt oder gemeinsamen Diplomanden- und Dissertantenkolloquien entgegenzuwirken. Wir haben die Beobachtung gemacht, dass gerade die Beschäftigung mit mittelalterlichen und vorindustriellen Befunden den aufzubauenden Erklärungsmodellen für vor- und frühgeschichtliche Erscheinungen Hilfestellung zu leisten vermag. Insofern wird die Kombination der Fächer Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie, mit Klassischer und Provinzialrömischer Archäologie sowie Vorderasiatische Archäologie zugunsten des Berufsbildes eines zukünftigen Archäologen nachdrücklich von uns empfohlen.

Inhaltlich gliedern sich nach heutiger Sicht die Chancen im Fächerverbund in vier große Felder, die von breiter Zusammenarbeit mit Partnerwissenschaften gekennzeichnet sind:

Die Kombination Mittelalterarchäologie und Bauforschung stellt ein modernes, forschungs-, anwendungs- und bedarfsorientiertes Segment des Studiums dar.  Ein großes Potential für die Attraktivität des Innsbrucker Standortes sehen wir auch in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Montanarchäologie innerhalb des Schwerpunktes HIMAT, der breit inter- und transdisziplinär angelegt ist.

Nachwievor bildet die Keramik eine wesentliche Säule des Fachbereiches, da mit  ihr einerseits das chronologischen Gerüst erstellt wird auf dem  dann sozial-, wirtschafts-und handelsgeschichtlicher Fragestellungen angeschlossen werden können. Neu hinzugekommen sind Anstrengungen im Bereich Ofenkachel und Kachelöfen, wo große vom Südtiroler Forschungsfonds finanzierte Anstrengungen im Gange sind.

Internationale Bedeutung konnte aber inzwischen auch die Bemühungen um die historische Textilforschung erlangen, die hauptsächlich vom Massenfund von Schloss Lengberg aber auch über die Gletscherarchäologie gespeist wird. 

Die größte Herausforderung stellt aber die in den letzten fünf Jahren forcierte Archäologie des Ersten und Zweiten Weltkrieges dar. Auch wenn die wissenschaftstheoretische Darlegung der Methoden und Aufgabenstellung vor allem unter Historikern noch heftig diskutiert wird, erschließen sich gerade hier mittel- und langfristig für die Studierenden und Dozent/innen neue Forschungs- und Betätigungsfelder.


Harald Stadler