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Die Archäologie der Römischen Provinzen

Die Archäologie der Römischen Provinzen stellt eine altertumskundlich-historische Disziplin der archäologischen Wissenschaften dar. Ihr primäres Forschungsfeld umfasst die Sachkultur und die zivilisatorischen und kulturellen Manifestationen im geographischen und chronologischen Rahmen des Imperium Romanum. Somit reicht der zeitliche Rahmen vom Beginn der militärischen und zivilen Verwaltung der jeweiligen Provinz (Einrichtung der ersten Provinz auf Sizilien nach dem Ende des ersten Punischen Krieges 241 v. Chr.) bis zu deren Ende in der Regel in die Spätantike oder deren Übergang ins byzantinische Reich.

Zentrale Fragestellungen der Archäologie der Römischen Provinzen behandeln die Akkulturation autochthoner Bevölkerungsgruppen mit der durch Rom geprägten mediterranen Kulturwelt und deren unterschiedliche Ausformungen in Bezug auf die materielle Hinterlassenschaft sowie die militärhistorischen Aspekte der römischen Okkupation, die spezifischen Formen der Provinzialisierung und die unterschiedlichen regionalen Reflexe darauf. Ebenso prägend für die Entwicklung der Römischen Provinzen sind die Einbindung in den reichsweiten Wirtschaftsraum mit einheitlicher Währung und der Impetus durch weitreichende Handelsbeziehungen. Alle diese Faktoren finden Ausdruck in Bekleidung, Brauchtum, Kult und Religion aber auch in Bau- und Siedlungsformen sowie in der Verlagerung machtpolitischer und wirtschaftlicher Strukturen.

Die methodische Grundlage liegt in der differenzierten Analyse von archäologischen Funden und Befunden unter Einbeziehung interdisziplinärer Kooperationen mit den geisteswissenschaftlichen Forschungsfeldern der Epigraphik, Numismatik und der Interpretation antiker Schriftquellen, sowie prägender naturwissenschaftlichen Methoden der Archäobotanik und Archäozoologie, Palynologie, Osteologie, archäometrische Untersuchungen für Materialanalysen und Prospektion in Form von Luftbild- und Airborne Laserscanauswertung sowie geophysikalischen Messungen und geographische Methoden in der Landschaftsarchäologie und nicht zuletzt der Einsatz von Dendrochronologie und Radiokarbonanalysen als Hilfsmittel für die Datierung.

 

Das Studium der Archäologie der Römischen Provinzen an der
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Die Archäologie der Römischen Provinzen ist eines der fünf an der Universität Innsbruck vertretenen archäologischen Fächern, das in allen drei entsprechenden Studien (Bachelor-, Master- und Doktoratsstudium Archäologien) betrieben werden kann. Im Rahmen des Bachelorstudiums kann über die thematische Wahl der Bachelorarbeit ein erster fachlicher Schwerpunkt in Hinsicht auf die Archäologie der Römischen Provinzen gesetzt werden. Das Masterstudium ermöglicht eine Vertiefung und Spezialisierung im Rahmen entsprechender Module und wiederum durch die thematische Zuordnung der Masterarbeit und entsprechendes gilt selbstredend für die Dissertation beim Doktoratsstudium. Wie bei allen in den archäologischen Studien vertretenen Fachrichtungen wird auf eine praxisorientierte Ausbildung (Ausgrabungen und geophysikalische Prospektionen im In- und Ausland) mit entsprechendem Anteil an Feldforschung großes Augenmerk gelegt.

Als Alleinstellungsmerkmal innerhalb Österreichs bietet die Universität Innsbruck die Provinzialrömische Archäologie als eigenständiges Fach getrennt von der Klassischen Archäologie an, wodurch auch Studienkombinationen beispielsweise mit der Vor- und Frühgeschichte oder Mittelalter- sowie Neuzeitarchäologie ermöglicht werden. Diese Eigenständigkeit innerhalb des Fächerverbundes resultiert in einem vergleichsweise umfangreichen Lehrangebot im Rahmen der archäologischen Studien. Weiters ist die Universität Innsbruck österreichweit die einzige, die gezielt eine spezifische Lehrbefugnis (venia) für die Archäologie der Römischen Provinzen verleiht und somit als eigenständige Forschungsdisziplin anerkennt.

 

Geschichte der Archäologie der Römischen Provinzen
an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Der Beginn der provinzialrömischen Forschung an der Universität Innsbruck ist eng mit den von 1953 bis 1955 unter der Leitung von Alfons Wotschitzky und Osmund Menghin durchgeführten Ausgrabungen im spätantiken Kastell von Wilten, dem römischen Veldidena, verknüpft. Alfons Wotschitzky, damals Extraordinarius für Klassische Archäologie in Innsbruck, nutzte die Möglichkeiten einer Ausgrabung quasi „vor der eigenen Haustüre“ um seine Hörer mit der Arbeit an archäologischen Objekten vertraut zu machen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen archäologischen Disziplinen, wie sie heute im gemeinsamen Institut für Archäologien betrieben wird, wurde damals begründet.

Alfons Wotschitzky und seine Schülerin Lieselotte Zemmer-Plank (1964-1996 Kustodin der Vor- und frühgeschichtlichen Sammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum) untersuchten 1964 die St. Martinskapelle am Martinsbühel bei Zirl. Die Auswertung und Publikation übernahm nach dem frühen Tod Wotschitzkys im Jahr 1969 Elisabeth Walde-Psenner, ebenfalls eine Schülerin Wotschitzkys. In der Folge unternahmen Elisabeth Walde und Lieselotte Zemmer-Plank gemeinsam erfolgreiche Ausgrabungen in der Pfarrkirche in Lienz, in der Georgskirche in Kals und leiteten den Beginn der Altstraßenforschung am damaligen Archäologischen Institut mit Untersuchungen im Bereich der Passhöhe des Brenners ein.

Die Provinzialrömische Forschungs- und Ausgrabungstätigkeit erfuhr unter dem Ordinariat von Elisabeth Walde (1983−2008) einen kräftigen Impuls, was sich auch in der Aufnahme der Provinzalrömischen Archäologie in die Institutsbezeichnung im Wintersemester 2002/2003 manifestierte.

Die Ausgrabungstätigkeit in Tirol wurde 1986 mit den Untersuchungen am Kirchbichl von Lavant wieder aufgenommen, zunächst noch in Zusammenarbeit mit Wilhelm Alzinger vom Österreichischen Archäologischen Institut in Wien und dann ab 1987 in der alleinigen Verantwortung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität. In den Jahren 1988 bis 1990 erfolgten die Ausgrabungen in der römischen villa rustica auf dem Michelfeld bei Kematen. Im Jahre 1991 gelang es Elisabeth Walde die Leitung für die Ausgrabungen in Aguntum an die Universität Innsbruck zu holen. Seit dieser Zeit werden hier unter der Leitung von Michael Tschurtschenthaler jährlich Lehrgrabungen in die akademische Ausbildung der Studierenden integriert. Dem Institut obliegt auch die wissenschaftliche Betreuung und fachliche Einrichtung des archäologischen Parks in Aguntum und des 2005 eröffneten neuen Museums.

In den Jahren 1992−1998 erfolgten Ausgrabungen im von der Bronzezeit bis in die Spätantike bestehenden Heiligtum mit Brandopferplatz auf der Pillerhöhe. Ebenso im Jahr 1992 begannen die archäologischen Untersuchungen des römischen Verkehrswesens in Tirol. Hierbei wurde einerseits die Annahme einer sogenannten Via Decia falsifiziert und andererseits durch umfangreiche Grabungen und Prospektionen die Via Claudia Augusta bezüglich Verlauf, Benutzungsintensität, Instandhaltung und Bautechnik erforscht. Besondere Beachtung verdienen die interdisziplinär durchgeführten und von Johannes Pöll vorgelegten Untersuchungen am sogenannten Prügelweg in Lermoos. Zahlreiche bei den Prospektionen geborgene archäologische Fundstücke werden im Via Claudia Augusta-Dokumentationszentrum in Fließ präsentiert und eine entsprechende Ausstellung ist für das Museum im Ballhaus in Imst geplant.

Die Untersuchungen an der Straßentrasse wurden ergänzt durch Ausgrabungen an Straßensiedlungen und -stationen, wie von 1999 bis 2003 in Biberwier und von 2007 bis 2011 in Strad bei Tarrenz im Gurgltal, die einen Schwerpunkt in den Forschungen zur Klärung der Organisation der Infrastruktur an römischen Straßen von Gerald Grabherr und Barbara Kainrath bilden.

Zwischen 1997 und 1999 erbrachten archäologische Ausgrabungen von Gerald Grabherr in einer römerzeitlichen Gebirgssiedlung am Michlhallberg bei Altaussee Erkenntnisse zur wirtschaftlichen Erschließung des Limeshinterlandes und zur verkehrstechnischen Anbindung einer Salzbergbausiedlung.

Unter der Leitung von Dietrich Feil sind im Jahr 2004 am Kalvarienberg des Innsbrucker Stadtteiles Arzl bei einer Ausgrabung bis zu drei Meter hoch erhaltenes römisches Mauerwerk, das im Zusammenhang mit dem Ortsnamen arcella = kleine Burg auf einen Wachposten schließen lässt, freigelegt worden.

Von 2005 bis 2007 wurde in Kooperation mit dem archäologischen Institut der Universität Graz und dem Landeskonservatorat für Steiermark des Bundesdenkmalamtes (Gerald Grabherr, Manfred Lehner und Bernhard Hebert) ein Forschungsprojekt zur Untersuchung der sogenannten norischen Hauptstraße im Bereich des Überganges über den Alpenhauptkamm durchgeführt, bei dem durch Prospektionen und Sondagegrabungen die chronologische Einordnung verschiedener Altstraßenreste und die Feststellung des Verlaufs der römischen via publica gelang.

2007 und 2008 erfolgten unter der Leitung von Florian Müller Nachgrabungen im Bereich einer villa rustica in Nußdorf/Debant, die bereits durch Anton Roschmann (1746), Josef Anton Nagel (1753) und Innozenz Ploner (1912/13) in Teilen ausgegraben worden ist.

2008 bis 2013 wurde von der Universität ein internationales Kooperationsprojekt mit der Munizipalarchäologie von Alcoutim und der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt (Gerald Grabherr, Alexandra Gradim und Felix Teichner) durchgeführt und hierbei in einer gemeinsamen Forschungsgrabung am Castelinho dos Mouros im östlichen Algarve (Portugal) die befestigte Siedlungsform eines sogenannten Wehrgehöftes in Bezug auf ihren sozioökonomischen Hintergrund und ihre chronologische Stellung untersucht.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Erforschung der Römerzeit im Oberen Vinschgau fanden von 2011-2012 unter der Leitung von Stephan Leitner archäologische Ausgrabungen in der römischen Siedlung von Mals/Paulihof statt.

In enger Kooperation mit den Akademien der Wissenschaften in Bukarest und Wien (Cristina Alexandrescu und Christian Gugl) unternahmen Gerald Grabherr und Barbara Kainrath 2011-2013 umfangreiche geomagnetische Prospektionen in Troesmis bei Turcoaia in der Dobrudscha, wobei es gelang das mittelkaiserzeitliche Lager der Legio V Macedonica sowie Teile der zugehörigen canabae und des Gräberfeldes zu lokalisieren.

Seit 2011 wird am Arbeitsbereich Archäologie der Römischen Provinzen des Instituts für Archäologien im Rahmen von zwei durch den FWF geförderten Forschungsprojekten, eines davon als internationale Kooperation mit den Universitäten Zürich und Freiburg i. Br. (Ph. Della Casa, A. Kolb, E. Deschler-erb und A. Heising) im Rahmen des DACH-Programms, die Entwicklung von Brigantium, dem römischen Bregenz, intensiv untersucht. 2012 fand ergänzend zum ersten Projekt eine Ausgrabung unter der Leitung von Julia Kopf und Karl Oberhofer in der westlichen Peripherie des römischen Siedlungsbereiches von Brigantium statt.

Einen kräftigen weiteren Impuls erfuhr die Provinzialrömische Forschung und Lehre in Innsbruck durch die Habilitationen von Ulla Steinklauber (Graz) und Wolfgang Czysz (Friedberg) im Jahr 2001, sowie Christian Gugl (Wien) im Jahr 2012.