ARCHÄOLOGISCHES MUSEUM INNSBRUCK

 

Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck

 

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G e s c h i c h t e

 

1. Abgusssammlungen und ihre Geschichte

 

 

Abgusssammlungen aus Gips haben eine bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreichende Tradition und sind ihrem Ursprung nach keine speziell für den Bedarf der universitären Ausbildung geschaffene Einrichtungen. Lange vor den ersten Erwerbungen von Abgüssen für Universitäten dienten sie einerseits der ästhetischen Erbauung an Fürstenhöfen, aber auch in großbürgerlichen Haushalten wurden die Salons gebildeter Privatleute damit geschmückt. Andererseits waren sie an den neu gegründeten Kunstakademien und in Bildhauerateliers Anschauungsmaterial, da die antike Kunst als Maßstab und Vorbild zeitgenössischen Kunstschaffens galt. Nach ihnen zu zeichnen und zu modellieren war Teil des Lehrplanes, und angehende Maler und Bildhauer wurden so mit Werken des Altertums vertraut gemacht.

 

In einer Zeit, als es Kunst und Antikenliebhabern kaum möglich war, Reisen zu den weit entfernten, neu entdeckten Ausgrabungsstätten und den nun entstehenden archäologischen Museen Europas zu unternehmen, wurden schließlich kleinere oder größere Kollektionen von Gipsabgüssen als Anschauungsmaterial für die Studierenden wie die Forschenden auch an den Universitäten unabdingbar notwendig. Der Gedanke einer universitären Abgusssammlung wurde im deutschen Sprachraum erstmals 1825 in Bonn verwirklicht, und viele Universitäten folgten nach.

 

In der Lehre war man trotz zunehmenden Einsatzes der Fotografie bislang ausschließlich auf die zeichnerische Wiedergabe von Objekten angewiesen. Abgusssammlungen besitzen aber bis heute gegenüber allen noch so detailreichen Wiedergaben von Skulpturen in der Zweidimensionalität den einzigartigen Vorteil, das Original sowohl in seiner wirklichen Dimension als auch seiner vollständigen plastischen Wirkung zu erfassen.

 

Weiters bieten Abgusssammlungen immer noch die beste Gelegenheit, die bedeutendsten Werke der Antike, die im Original an verschiedenen weit entfernten Museen der Welt bzw. auch generell schwer zugänglichen Orten aufbewahrt werden, auf engstem Raum an einem Platz vereinigt gemeinsam zu betrachten und zu vergleichen.

 

Auch für Rekonstruktionen, welche am Original nicht durchgeführt werden können, bieten sich Abgüsse an. So lassen sich nur unvollständig überlieferte Objekte ergänzen, sowie an unterschiedlichen Orten aufbewahrte Bruchstücke derselben Figur zusammenführen, um sie im Idealfall wieder zu einer vollständigen Skulptur zusammenzusetzen. Im Zuge von Studien, bei denen der verloren gegangenen farbigen Bemalung der Plastik nachgegangen wird, bieten Abgüsse die Möglichkeit, durch versuchsweise Bemalung eine Vorstellung des ursprünglich bunten Originals zu erlangen.  

 

Gerade heute zeigt sich aber noch ein weiterer Grund, der die Bedeutung von Abgusssammlungen unterstreicht. Abgusssammlungen bewahren vielfach das Erscheinungsbild antiker Kunstwerke, die heute bereits im Original verloren sind, oder deren Erhaltungszustand durch äußere Einflüsse mittlerweile so schlecht ist, dass keine Rückschlüsse mehr auf die originale Oberfläche gezogen werden können.

 

 

 

2. Die Sammlung des archäologischen Instituts der Universität Innsbruck

 

Bis zur Gründung einer eigenen Lehrkanzel für klassische Archäologie in Innsbruck 1889 hatte der Ordinarius für Philosophie und Ästhetik Tobias Wildauer (1825-1898) auch archäologische Themen in seinem Vorlesungszyklus über Ästhetik und später der Kunsthistoriker Hans Semper (1845-1920) aus dem Blickwinkel seiner Disziplin behandelt. Von Seiten der Altphilologie nahm sich speziell August Wilmanns (1833-1917) in den Jahren 1871-1873 der Altertumskunde und Archäologie an. Die ersten archäologischen Übungen fanden seit 1869 im Gipsmuseum (Sammlung von Abgüssen plastischer Meisterwerke) statt. Dieses war aufgrund des Antrags des Professorenkollegiums vom 30.7.1869 am 24.8.1869 durch das Ministerium für Cultus und Unterricht genehmigt und anschließend von Wildauer eingerichtet worden. Die Sammlung feiert somit 2009 das 140. Jahrjubiläum ihres Bestehens und stellt damit nach Graz (1865) das älteste archäologische Universitätsmuseum Österreichs dar.  

Tobias Wildauer (1825-1898)

   

Die Objekte waren in der ersten Zeit im zweiten Stockwerk in dem heute „Alte Universität“ genannten Bau am Karl-Rahner-Platz untergebracht, wo sich auch die 1889 errichtete Lehrkanzel befand. Bis zur Schaffung eigener Räumlichkeiten war die Aufstellung allerdings eine provisorische. Eine Reihe größerer Abgüsse war am Korridor aufgestellt, der Rest in einzelnen Zimmern untergebracht und soweit es ging, in zeitlicher Abfolge angeordnet. Durch erste Ankäufe aus öffentlichen Mitteln und den Einnahmen aus Vortragsveranstaltungen wies das Museum Ende 1870 bereits 40 Objekte auf, 1894 war die Sammlung auf 300, 1914 schließlich auf 400 Stücke angewachsen. Die Auswahl war stark vom damaligen Zeitgeist und Geschmack bestimmt und setzte ihren Schwerpunkt auf  Skulpturen der griechischen Klassik.

 

   

 

Aufstellung in der "Alten Universität" am Karl-Rahner Platz (um 1900)

 

 

Als 1914 mit dem Bau der Neuen Universität am Innrain begonnen wurde, plante man auch mehrere adäquate Räume an prominenter Stelle im obersten Stockwerk direkt oberhalb der Aula für die Sammlung ein, die schließlich 1920 dorthin übersiedelte. Danach ruhte die Sammlung jedoch und führte über mehrere Jahrzehnte eine Art Schattendasein. Zum einen hatte sich die Einstellung zu Abgusssammlungen generell verändert, und die Wertschätzung gegenüber den Gipsen war allgemein gesunken. Zum anderen konnten, bedingt durch die beiden Kriege und wirtschaftliche Schwierigkeiten, kaum weitere Neuanschaffungen getätigt werden. Immerhin überstand die Sammlung im Unterschied zu vielen anderen im europäischen Raum die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs ohne nennenswerte Schäden.

 

Erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts erkannte man wieder die Bedeutung, die die dreidimensionalen Objekte gegenüber jeder Fotografie besitzen, und nach der Übernahme der Lehrkanzel durch Alfons Wotschitzky (1912-1969) im Jahre 1951 begann eine neue Zeit für die Innsbrucker Sammlung. Neben einer Sanierung der Räume ließ er eine Raumaufteilung entsprechend den Perioden der antiken Kunst vornehmen und begann die Sammlung zu modernisieren und zu reaktivieren. Von größter Bedeutung war jedoch, dass unter der Leitung der Restauratorin Maria Dawid über mehrere Jahre die gesamten verschmutzten und beschädigten Objekte restauriert wurden. Die Gipse wurden gereinigt, die Gussnähte abgenommen sowie im Laufe der Zeit zerbrochene Teile wieder zusammengeklebt und verloren gegangene ergänzt. Eine Besonderheit der Innsbrucker Sammlung im Vergleich zu anderen Abgusssammlungen stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Nach Wunsch von Alfons Wotschitzky wurden die Objekte nicht weiß belassen, sondern man versuchte, sich durch Bemalung so weit wie möglich dem marmornen bzw. bronzenen Original anzunähern. Durch die farbige Oberflächenbehandlung des ansonsten weißen Gipses konnte die plastische Wirkung zudem noch weiter verstärkt werden.

   

 

Aufstellung im Hauptgebäude der Universität am Innrain (in den 20er/30er Jahren)

 

 

Leider begann sich in den siebziger Jahren auch die durch den ständigen Zuwachs an Studierenden am Institut zunehmende Raumnot auf das Museum auszuwirken, und so mussten Räume abgetrennt und zu Bibliothek, Fotolabor und Archiv umfunktioniert werden. Die dortigen Exponate wanderten in Depots, und das Museum konnte nicht mehr der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Mit der Übersiedelung des Instituts für Klassische Archäologie in den Neubau der Geisteswissenschaftlichen Fakultät 1982 und die im Anschluss daran begonnene Renovierung des Altbaues war das Museum für einige Jahre vollkommen unzugänglich.  

Nutzung des Museums als Arbeitsräume

 

 

Im Jahre 1989 feierte das Museum schließlich sein 120-jähriges Bestehen, und nach einer gründlichen Renovierung des großen Ausstellungssaales, einer Neuordnung der Raumaufteilung und einer Änderung der Aufstellung konnte die Sammlung am 8.3.1989 wiedereröffnet werden. Der damaligen Ordinaria Elisabeth Walde war die Sammlung immer ein wichtiges persönliches Anliegen gewesen, und so konnten am 19.1.2000 zwei weitere Räume (sog. grüner und gelber Salon) im Hauptgebäude der Universität als Ausstellungsflächen adaptiert und somit zum ersten Mal ein Großteil der Sammlung, darunter die reichen Bestände römischer Porträtplastik sowie die Objekte der Kleinkunst, geschlossen gezeigt werden. Durch unermüdliches persönliches Engagement, ohne ein eigenes Museumsbudget und somit auf Spenden und Förderungen angewiesen gelang es Elisabeth Walde, trotzdem in dieser Zeit die Anzahl der Exponate auf fast 900 Stück mehr als zu verdoppeln. 

Neuaufstellung der Sammlung (nach 1989)

 

 

Durch die Aberkennung der neuen Räumlichkeiten ging aber der „Gelbe Salon“ mit der Porträtsammlung kurze Zeit später verloren, und die Stücke kamen ins Depot. Auch mussten wertvolle Exponate wie der Giebel des Aphaiatempels von Ägina genauso wie die Sammlung von Kleinkunst auf diversen Gängen im Institutsbereich, in Dienstzimmern sowie den Räumlichkeiten der ehemaligen Institutsbibliothek untergebracht werden. Die Sammlung war auf eine Unzahl von Standorten aufgesplittert und die Besuchsmöglichkeit somit stark eingeschränkt worden.

 

Die fortwährende Raumnot des Museums konnte durch die im Sommer 2007 erstmals zur Sprache gebrachte Übersiedelung der archäologischen und altertumswissenschaftlichen Institute der Universität an den Langen Weg gelöst werden. Im Zuge des Umzugs in das neue Zentrum für Alte Kulturen konnte gleichzeitig für Das Archäologische Museum Innsbruck - Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck neben dem Hauptgebäude der Universität ein zweiter repräsentativer Museumsstandort geschaffen werden. Während dort die Räumlichkeiten durch antikisierende Pilaster als Wandgliederung, griechische Säulen und eine Kassettendecke bewusst an die Antike angelehnt sind, macht gerade der Gegensatz zwischen den antiken Objekten und der modernen Architektur des ATRIUM-Gebäudes den besonderen Reiz dieses neuen Ortes aus. Die Sammlung, welche in ihrer Kombination aus Abgüssen, Kopien und Originalen die größte Kollektion klassischer Antiken in Westösterreich darstellt, kann so 2009, zu den Jubiläumsfeierlichkeiten ihres 140-jährigen Bestehens, an beiden Standorten wieder verstärkt den Besuchern präsentiert werden.  

Sammlung im ATRIUM (2009)

 

 

 

3. Literatur

 

Sammlung Innsbruck:

 

  • Müller F. M., Das Archäologische Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck: Forschen – Lehren –  Vermitteln, in: Müller F.M. (Hrsg.), Archäologische Universitätsmuseen und  -sammlungen im Spannungsfeld von Forschung, Lehre und Öffentlichkeit (Wien/Berlin 2013) 289-323.

  • Müller F. M., Das Archäologische Museum Innsbruck. Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck, in: Fick S. (Hrsg.), Atriumhaus – Das Zentrum für Alte Kulturen (Innsbruck 2009) 35–42. (Link)

  • Müller F. M., 140 Jahre Archäologisches Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck 1869–2009, Latein-Forum 69, 2009, 71–79. (Link)

  • Feil D., Das Museum von Abgüssen und Originalen antiker Kunst des Institutes für Klassische Archäologie der Universität Innsbruck, Latein-Forum Heft 43, 2001, 52–58. (Link)

  • Dawid M., 120 Jahre Museum von Abgüssen und Originalsammlung, 100 Jahre Lehrkanzel für Klassische Archäologie an der Universität Innsbruck, in: Otto B., Ehrl F. (Hrsg.), Echo. Festschrift für Johannes Trentini zum 80. Geburtstag (Innsbruck 1990) 81-88.

  • Larcher A., Museum von Abgüssen und Originalsammlung. Archäologisches Institut der Universität Innsbruck, Tirol 50, Sommer 1997.

  • Müller F. M., Feil D., 140 Jahre Archäologisches Museum der Universität Innsbruck 1869-2009, in: 340 Jahre Universität Innsbruck, ipoint, 15.6.2009.

  • Sitte H., Aus dem Innsbrucker Archäologischen Seminar, in: Innsbrucker Philologenklub (Hrsg.), Aus der Werkstatt des Hörsaals. Papyrus-Studien und andere Beiträge (Innsbruck 1914) 77–86.

Jahresberichte

  • Müller F. M., Das Archäologische Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität: Sammeln – Bewahren – Forschen – Vermitteln, in: Zentrum für Alte Kulturen (Hrsg.), Jahresbericht 2009. Geschichte und Altorientalistik, Archäologien, Gräzistik und Latinistik, Archäologisches Museum, Fachbibliothek Atrium (Innsbruck 2010) 87–89. (Link)

  • Müller F. M., Das Archäologische Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität: Sammeln – Bewahren – Forschen – Vermitteln, in: Zentrum für Alte Kulturen (Hrsg.), Jahresbericht 2010. Aktuelle Forschungen (Innsbruck 2011) 51–53. (Link)

  • Sossau V., Müller F. M., Das Archäologische Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität: Sammeln – Bewahren – Forschen – Vermitteln, in: Hye S., Naso A. (Hrsg.), Aktuelle Forschungen des Zentrums für Alte Kulturen 2011 (Innsbruck 2012) 49–52. (Link)

Ausführliches Literaturverzeichnis zur Innsbrucker Sammlung (Link)

 

 

Allgemein:

 

  • Bauer Johannes, Gipsabgusssammlungen an deutschsprachigen Universitäten. Eine Skizze ihrer Geschichte und Bedeutung. Jahrbuch für Universitätsgeschichte 5, 2002, 117-132.

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Für den Inhalt verantwortlich: Florian MÜLLER - Institut für Archäologien - 2014