Karl Oberhuber (31. 10. 1915 - 4. 1. 1997)

(Nachruf in AfO 44/45, 1997/98, 585 - 587)
Am 4. 1.1997 starb Karl Oberhuber, emeritierter Universitätsprofessor am Institut für Sprachen und Kulturen des Alten Orients der Universität Innsbruck, im Alter von 82 Jahren eines plötzlichen und trotz seines hohen Alters unerwarteten Todes.
Karl Oberhuber wurde am 31. Oktober 1915 in Innsbruck geboren. Nach einem Aufenthalt am Stiftsgymnasium der Redemptoristen in Katzelsdorf bei Wiener Neustadt besuchte er das Akademische Gymnasium in Innsbruck und legte dort im Jahre 1934 die Reifeprüfung ab. Nach der Matura studierte er zunächst Klassische Philologie an der Universität Innsbruck,
wandte sich aber bald dem Studium der Vergleichenden Sprachwissenschaft bei H. Ammann  zu. Ein für die damalige Zeit seltenes und ihn auszeichnendes Stipendium ermöglichte ihm einen Studienaufenthalt in Budapest (1936/37) und Debrecen (1937), der ihn nachhaltig prägte. Das Studium der Sprachwissenschaft schloss er 1941 in seiner Heimatstadt mit dem Doktorat ab. Es folgten vier Jahre Wehrdienst (1941-1945).
Sein ihm eigenes Streben, den Dingen auf den Grund zu gehen und, einem Motto des Tiroler Orientalisten Aloys Sprenger (Das Leben und die Lehre des Moammad, Bd. 1, Berlin 1861, S. VI) folgend, Erkenntnisse aus Quellen und nicht aus dem breiten Strom zu schöpfen, konfrontierte ihn bald mit den in Keilschrift überlieferten Sprachen des Alten Mesopotamien. Dieses Fachgebiet wurde bereits zur Jahrhundertwende an der Universität Innsbruck gepflegt (Thomas Friedrich; auf Seiten der Alten Geschichte auch C. F. Lehmann-Haupt). Aufgrund der wechselhaften Geschichte des "Orientalischen Instituts" - so der damalige Name - war zu Studienzeiten Oberhubers allerdings nur noch das Fach Arabistik vertreten, das mit der vorzeitigen Emeritierung von A. Haffner im Jahr 1938 durch die Nationalsozialisten ebenfalls aufgelassen wurde. So musste sich Karl Oberhuber seine Kenntnisse in dem Fachgebiet, das nunmehr in das Zentrum seines Interesses gerückt war, in mühevoller Arbeit ohne Schultradition weitgehend selbst erarbeiten. Der Erfolg dieser Bemühungen war ihm beschieden, als er sich in Wien bei Fritz Rudolf Kraus 1953 (mit Dekret vom 19. 1.1954) für das Innsbrucker Institut habilitierte.
Das Verhältnis Oberhubers zu F. R. Kraus war von grösster Hochachtung und Verbundenheit geprägt, und er blieb mit ihm bis zu dessen Tod in ständigem Briefkontakt. Trotz des geringen Altersunterschieds von nur 5 Jahren sah Oberhuber in Kraus zeitlebens seinen "verehrten Lehrer" (vgl. Fs. Kraus S. 279), und auch Kraus blieb der Rolle des "alten Lehrers" (vgl. Fs.
Oberhuber S. 125) treu. Dem Einfluss Kraus' ist die grosse und nachhaltige Bewunderung Oberhubers für das Werk Benno Landsbergers zuzuschreiben.
Am Institut für Orientalistik wurde Oberhuber im WS 1940/41 von der Philosophischen Fakultät mit einem Lehrauftrag für Kiswahili betraut, der aber wegen Wehrdienstes abgebrochen werden musste. Dienstrechtlich war Oberhuber am Institut zunächst von 1945 - 1954 Wissenschaftliche Hilfskraft mit Lehraufträgen; im Studienjahr 1950/51 wurde er zwecks
Spezialausbildung zur Vorbereitung für die Habilitation nach Wien beurlaubt. 1954 wurde er zum nicht-ständigen Hochschulassistenten und 1961 zum ständigen Hochschulassistenten ernannt. Am 28. 3.1961 wurde ihm der Titel eines Ausserordentlichen Universitätsprofessors verliehen. Das Institut stand seit 1945 unter seiner Leitung: von 1945 bis 1960 fungierte er als geschäftsfuhrender Leiter, mit dem 21. 12.1960 wurde er voll mit der Leitung des Instituts betraut.
Endgültiges Ziel und Auftrag war ihm die Weiterführung der abgebrochenen altorientalistisch-philologischen Tradition des Instituts. Ohne Lehrkanzel war dem Institut ein Aussenseiterschicksal beschieden, wie es wohl kaum je einem anderen Institut zugemutet wurde. Nach zähem Ringen konnte er im Jahr 1973 die Neuerrichtung der Lehrkanzel erwirken. Der Name für Institut und Fachgebiet musste jedoch geändert werden, da "Institut für Orientalistik" dem Ministerium zu weit, "Assyriologie" aber dem Fakultätskollegium der Philosophischen Fakultät zu eng gefasst erschienen. Die Einigung wurde mit "(Institut für) Sprachen und Kulturen des Alten Orients" erreicht, eine Bezeichnung, die im deutschsprachigen Raum in
jüngerer Zeit zunehmend Verbreitung findet. Nach dem Gesagten ist es nur selbstverständlich, dass Karl Oberhuber 1973
mit der Errichtung der ordentlichen Professur für Sprachen und Kulturen des Alten Orients und seiner Berufung zum Ordinarius die Erfüllung eines Lebensziels sah. Besondere Genugtuung bereiteten ihm Erfolge bei der Heranbildung wissenschaftlichen Nachwuchses, und er konnte befriedigt feststellen, dass die Keilschriftforschung am Institut in Innsbruck mit einer stolzen Bilanz wissenschaftlicher Tätigkeit wieder Anschluss an die internationale Keilschriftforschung gefunden hatte. Um so bitterer traf es ihn, als 1986 das Institut unerwartet ein Extraordinariat zugewiesen bekam, während das bereits laufende Verfahren zur Nachbesetzung des nach seiner Emeritierung freigewordenen Ordinariats jählings sistiert wurde. Dies konnte er zeitlebens nicht verwinden.
In seinem wissenschaftlichen Werk nimmt die sumerische Sprachwissenschaft einen hervorragenden Platz ein. Die Beherrschung von Sprachen unterschiedlichster Sprachstruktur, insbesondere des agglutinierenden Typs, prädestinierten Oberhuber wie kaum einen anderen, kompetent die Struktur des Sumerischen zu erörtern. So wies er bereits 1953/55 unter Hinweis auf eine Struktureigenschaft des Sumerischen (WZKM 52, 86: "Der Struktur des Sumerischen ist von Haus aus das Moment der Richtung, die Dimensionalität adäquat") die etymologische Identität des Ergativs mit dem Lokativ-Terminativ nach; in "Die Keilschrift" (1967) führte dies (S. 34) zu einer Beschreibung des Subjekts beim transitiven Verb (er vermied jegliche Terminologie), die voll der des "Ergativs" entspricht, wie sie erst später mit der Einführung der sprachtypologischen Betrachtungsweise als "Ergativsprache" in der Sumerologie üblich wurde. Aus dem genannten Moment der Dimensionalität leitete er in "Die Keilschrift" (S. 32) auch die treffende Bezeichnung "Dimensionen" für die "(Kasus)postpositionen" ab. Insgesamt gelang es Oberhuber durch die konsequente Betrachtungsweise des Sumerischen als eineragglutinierenden Sprache, in "Die Keilschrift" einen dem Sprachcharakter des Sumerischen in bis dahin kaum erreichtem Grade adäquaten grammatikalischen Abriss vorzulegen. Diese Betrachtungsweise liegt auch seinen gehaltvollen Ausführungen zum Passiv zugrunde. Mit B. Landsberger in der Tradition Wilhelm von Humboldts stehend, galt sein spezielles Interesse weiters dem Verhältnis von Sprach- und Denkstruktur, im besonderen auch den Kontaktwirkungen des Sumerischen mit dem Akkadischen, was seinen Niederschlag in zwei Aufsätzen fand; ohne ausführlichere schriftliche Darlegung blieben seine intensiven Überlegungen zum Aussterben einer Sprache im allgemeinen, des Sumerischen im
besonderen. Einen langgehegten Plan nahm er 1967 mit der Einrichtung des Forschungsprojekts "Sumerisches Lexikon" in Angriff. Mühsal und Langwierigkeit eines solchen Unternehmens waren ihm bewusst. Den ersten Band des "Innsbrucker Sumerischen Lexikons" legte Oberhuber Ende 1990 vor. Die Weiterführung des Projekts ist dem Schreiber dieser Zeilen
ein Vermächtnis.
Auch auf dem Gebiet der Keilschrifteditionen hat sich Karl Oberhuber kompetent hervorgetan. Hervorzuheben ist sein zweibändiges Werk "Sumerische und akkadische Keilschriftdenkmäler des Archäologischen Museums zu Florenz".
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt des Verstorbenen war die altorientalische Religionswissenschaft. Schon seine erste Wortmeldung zu diesem Thema ("Der numinose Begriff ME im Sumerischen". 1963) brachte einen vielbeachteten, eigenständigen Beitrag zu den grundlegenden Strukturen der sumerischen Religion. Es war für Oberhuber schmerzhaft und
für die weitere Forschung nicht förderlich, dass eine einseitige und unreflektiert weitergetragene Kritik dem eigentlichen Anliegen Oberhubers nicht gerecht wurde. In seinem Streben, auch den religiösen Phänomenen auf den Grund zu gehen, richtete er sein besonderes Interesse auf präanthropomorphe Traditionen in der sumerischen Religion, und er gelangte, zusammenfassend im letzten Werk aus seiner Feder, "Linguistisch-philologische Prolegomena zur altorientalischen
Religionsgeschichte" (1991), zu einem über das Mass der gängigen Darstellungen hinaus vertieften Verständnis der altmesopotamischen Religionsgeschichte.
Ein besonderes Anliegen war Oberhuber weiters die Gilgamesch-Forschung. Mit der Herausgabe des Sammelbandes "Gilgamesch" (mit zwei Originalbeiträgen) in der Reihe "Wege der Forschung" verdankt ihm die Wissenschaft ein hilfreiches und vielgenutztes Arbeitsbuch. Den weiten Horizont der Interessen Karl Oberhubers belegen Arbeiten zu
den Ausstrahlungen des Alten Mesopotamien in den biblischen und griechischen Raum.
Dass er trotz aller wissenschaftlichen Akribie bereit war, Erkenntnisse der Fachforschung einem weiteren Leserkreis zu erschliessen, hat er mit der grundlegenden Neubearbeitung B. Meissners "Die Keilschrift" in der Sammlung Göschen und mit dem stattlichen Band "Die Kultur des Alten Orients" in der Reihe "Handbuch der Kulturgeschichte" - der bereits fertige wissenschaftliche Apparat wurde vom Verlag leider nicht aufgenommen - bewiesen.
Karl Oberhuber hat sich im Mittelpunkt von Ehrungen nie recht wohl gefühlt. Dennoch war es ihm eine sichtliche Genugtuung, als ihm Freunde, Schüler und Kollegen zum 70. Geburtstag eine Festschrift widmeten. (Im Bannkreis des Alten Orients. Studien zur Sprach- und Kulturgeschichte des Alten Orients und seines Ausstrahlungsraumes. Karl Oberhuber zum 70. Geburtstag gewidmet. Hrsg. von W. Meid und H. Trenkwalder. Innsbruck 1986 (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, 24). Dem Schriftenverzeichnis nachzutragen sind: Schilderung einer "Fehlleistung" in einem hethitischen Mythos. In: Ivo Kohler in Memoriam. Arbeiten zur Psychologie, ihren Anwendungen und ihren Grenzgebieten. Hrsg. von G.
Lucke und H. Pfister. Innsbruck 1988. S.117 - 119 (Veröffentlichungen der Universität Innsbruck, 136); Sumerisches Lexikon zu 'George Reisner, Sumerisch-babylonische Hymnen nach Thontafeln griechischer Zeit (Berlin 1896)' (SBH) und verwandten Texten. Mit einem akkadisch-sumerischen Register, zusammengestellt von Manfred Schretter. Innsbruck 1990
(Innsbrucker Sumerisches Lexikon I, 1) (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Sonderheft 70);  Sänger/Musiker oder
Sängerin/Musikerin? Zu einer Streitfrage der altmesopotamischen Bildkunst und Epigraphik. In: Musica Privata. Die Rolle der Musik im privaten Leben. Festschrift zum 65. Geburtstag von Walter Salmen. Hrsg. von M. Fink, R. Gstrein und G. Mössmer. Innsbruck 1991. S. 339 - 343; Linguistisch-philologische Prolegomena zur altorientalischen Religionsgeschichte. Innsbruck 1991 (Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Vorträge und Kleinere Schriften, 53)).
Wenn über den Menschen Oberhuber noch nichts gesagt wurde und nicht viel gesagt werden soll, so liegt das daran, dass er fast eifersüchtig auf die Wahrung seiner Privatsphäre bedacht war. Seinen Schülern präsentierte er sich zunächst verschlossen, korrekt, ja fast pedantisch. Als akademischer Lehrer konnte er seine Schüler jedoch begeistern - mancher seiner Vorlesungen erinnerten sich seine Schüler noch nach Jahrzehnten mit Freude - , in seinen Seminaren zeigte er sich einfühlsam, allein auf individuelle Forderung bedacht, mit seiner Meinung extrem zurückhaltend und jedem Argument aufgeschlossen. Und so verschloss er sich bis ins hohe Alter all den Neuerungen auch auf akademischem Boden nicht, wenn ihm die Argumente richtig schienen. Alter akademischer Tradition verpflichtet und seiner fundierten religiösen Grundhaltung entsprechend galt sein Engagement auch christlichem Coleurstudententum, und im Kreis seiner CV-Verbindung, die ihn mit den höchsten Auszeichnungen ehrte, fand er Geselligkeit, die er trotz seines zurückhaltenden Wesens immer suchte.
Bis zu seinem Tod fühlte sich emer. ord. Univ.-Prof. Dr. Karl Oberhuber jedoch der Wissenschaft verpflichtet: Ein Werk zur sumerischen Grammatik, an dem er bis zuletzt arbeitete, bleibt unvollendet.

Manfred Schretter