Kulturantagonismus im archaischen Griechenland

Kontrakulturelle Lebenswelten, Lebensstile und Weltanschauungen zwischen 700-480 v. Chr.

Im geplanten Forschungsvorhaben soll historische Kulturforschung zur griechischen Archaik betrieben werden. Ziel ist es, Divergenzen und Antagonismen im kulturellen Panorama des archaischen Griechenlands genauer in den Blick zu bekommen und diese in ihrem jeweiligen Zustandekommen ebenso wie in ihren gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhängen zu ergründen. Wiederholt soll dabei nach internen Impulsen gefragt werden, die während der griechischen Archaik zur Aufnahmebereitschaft externer Impulse geführt haben (Link zu „Griechische Archaik: interne und externe Impulse“).

Der Philosoph und Hedonist Polyarchos beschreibt im 4. Jh. v. Chr. das Feld der archaischen Kultur Griechenlands als einen Schauplatz permanenter ideologischer Kämpfe, wobei es in der Hauptsache um einen Kampf zwischen der Genußkultur der Hedonisten und ihrer Gegenkultur der Mäßigung geht, die in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen.

Diese 'historische' Rückschau des Polyarchos auf eine generierende Leitkultur und auf eine reagierende Gegenkultur im archaischen Griechenland verleiht dem sozialwissenschaftlichen Kontrakultur-Begriff von J. Milton Yinger eine unerwartete, historische Tiefendimension. Sich einander ergänzend, liefern Polyarchos und Yinger ein adäquates, übergeordnetes Analyseraster zur kulturgeschichtlichen Erforschung der Divergenzen und Antagonismen in der Alltagswelt der griechischen Archaik.

In einer makrohistorischen Analyse wird im Sinne einer Mentalitätsgeschichte dem langanhaltenden Konflikt zwischen der Genußkultur der Hedonisten und der Mäßigungskultur eines moderaten 'Bürgertums' nachgegangen. Dabei soll vom sozialwissenschaftlichen Problem der Kontrakultur zur dinglichen, bildlichen oder literarischen Quelle gedacht werden und nicht umgekehrt. In Mikrohistorien, deren Themenfelder sich aus der gegebenen Quellenlage ergeben, werden dann die beiden oppositionellen Mentalitäten nach ihrer Wirksamkeit auf die damalige, gesellschaftliche Wirklichkeit befragt.

Dank dieser Kombination von Makro- und Mikrohistorie sowie dem Begriff der Kontrakultur soll die geplante Kulturgeschichte zur griechischen Archaik zu einem komplexeren Geflecht kontrakultureller Wirkungszusammenhänge verdichtet werden, die nicht mehr so leicht wie in bisherigen Studien zu einem geradlinig verlaufenden Modernisierungs- bzw. Demokratisierungsprozess zu abstrahieren sind. Das jahrhundertelange Bestreben der westeuropäischen Geschichtsschreibung, im archaischen Griechenland die Vorklassik der Griechen und damit die Wurzeln zur Demokratie westlichen Zuschnitts aufdecken zu wollen, verliert damit endgültig seine Legitimation.