AM ENDE DER GUTENBERG-GALAXIS

NORBERT BOLZ

1. Einleitung

Die Grundthese meines Buches "Am Ende der Gutenberg-Galaxis" sowie auch dieses Beitrages lautet: Das Buch wird als Leitmedium der Gegenwart durch den Computer abgelöst. Damit ist keineswegs gemeint, daß künftig keine Bücher mehr existieren werden oder gar, daß Schreiben und Lesen ihre Bedeutung verlieren. Daß die alten Kulturtechniken des Lesens oder Schreibens durch die technologischen Entwicklungen keineswegs überflüssig werden, ist allein daraus ersichtlich, daß die heute bekannten Formen von Computerarbeit immer noch in großem Ausmaß mit Lesen und Schreiben verknüpft sind. Selbst mit den wesentlichen Neuerungen der Kommunikationsverhältnisse durch Visualisierung von Kommunikation wird sich daran nichts ändern. Auch die Tatsache, daß durch diese Evolutionen Bilder immer stärker an die Stelle alphabetischer Notationen treten, bringt das Lesen und Schreiben nicht zum Verschwinden. Gerade die Trivialität derartiger Überlegungen gerät immer wieder in Vergessenheit, wenn über das Schicksal des Buches gesprochen wird. Beide Kulturtechniken - Lesen und Schreiben einerseits sowie das Medium Buch andererseits - sehen sich allerdings einer Veränderung ihres Stellenwertes gegenüber. Am Ende dieses Beitrages werde ich versuchen, die neue Bedeutung des alten klassischen Mediums Buch in einem neu definierten Medienverbund anzudeuten.

2. Mediengeschichte

Gutenberg-galaxy ist eine von Marshall McLuhan übernommene Wortkreation, die eine Welt bezeichnet, die vom Medium Buch geprägt ist. Von dieser Welt nehmen wir Abschied.

2.1 Speichern

Seit der Existenz der menschlichen Zivilisation gibt es Medien. Die einzige Funktion der ursprünglichen Medien lag im Speichern. Auch den ersten Kulturtechniken - wie etwa den primären Impulsen zum Schreiben oder der Schriftbildung - kamen Speicherfunktionen zu. Notwendig dazu war ausschließlich das Suchen nach Notationen für Dinge, die in Realien gespeichert wurden (z. B. Getreide). Speichern ist die Urfunktion aller Medien. Diese Funktion bleibt konstant erhalten und ist bis hin zur Gegenwart und auch in Zukunft fundamental.

2.2 Übertragen

Die zweite wesentliche Medienfunktion, die sich später herausgebildet hat, ist die Funktion des Übertragens. Sie reicht bis zu massenweisen Übertragungstechniken. Der Fachterminus broadcasting bezeichnet die Übertragung von Informationen über große Entfernungen einerseits sowie an ein massenhaftes Publikum andererseits.

2.3 Rechnen

Die beiden Funktionen Speichern und Übertragen betreffen die alte Welt der Medien. Auch das Buch hat diese Übertragungsleistungen hervorgebracht, aber es blieb eben auf alphabetische Notationen beschränkt. Hier kommt es zu einem großen Bruch, der die eigentliche Zäsur der Mediengeschichte darstellt: auf der einen Seite Medien, die nur speichern und übertragen können, und auf der anderen Seite die neuen Medien, die das Rechnen beherrschen (Rechner ist nur ein deutsches Wort für das englische Wort Computer). Rechnen als spezifische Medienleistung ist die Leistung, die erstmals der Computer hervorgebracht hat. Die bisherigen Medienleistungen - speichern und übertragen - werden nun auf rechnen umgestellt. Auch speichern und übertragen bedeutet primär rechnen.

2.4 Kommunizieren

Die allerjüngste Medienleistung geht allerdings auch über das bloße Rechnen hinaus. Der Computer ist keineswegs aufgrund seiner Rechenfähigkeiten das Leitmedium der Gegenwart , sondern weil er technische Kommunikationsfunktionen des Menschen implementiert.

Die Gutenberg-Galaxis, die Welt des Buches, hat noch einen selbstverständlichen Wirklichkeitsbegriff. Dieser ist verschieden von Schein, Illusion, Trug und Fiktion. Es gab also Kriterien für Realität im Gegensatz zu anderen Begriffen. In dieser Welt, die im wesentlichen durch Modelle der Kausalität erklärt wurde, existierte noch eine "Wahrheitsfunktion". Die Welt der Gutenberg-Galaxis wurde in linearen Sequenzen und Abfolgen dargestellt. Das einfachste Beispiel ist das Buch: Ein Satz folgt auf den nächsten, eine Seite folgt der vorhergehenden. Neben der Linearität ist charakteristisch, daß durch Verfahrensweisen der Klassifikation Ordnung in diese Welt gebracht wurde. Menschen verstehen sich selbst als Subjekte, die der Welt als einer Objektwelt gegenübertreten. Das Weltverhältnis ist soweit in sogenannten Subjekt-Objekt-Beziehungen modelliert. In dieser alten Welt sind die meisten von uns aufgewachsen.

3. Gutenberg-Galaxis versus Neue Medien

3.1 An die Stelle des Wirklichkeitsbegriffs der Gutenberg-Galaxis ist bezüglich der Neuen Medien der der Konstruktion zu setzen. Diese Einsicht läßt sich auch geschichtlich zurückverfolgen: Die Philosophie hat eine lange Tradition von Denkern, die davon ausgegangen sind, daß Wirklichkeit nichts anderes als eine Konstruktion ist. Immanuel Kant und vor allem auch die berühmten Neukantianer Ende des 19. Jahrhunderts, vertraten diese These. Daß Wirklichkeit aber in unserer heutigen Lebenspraxis als Konstrukt begriffen wird, ist ein Effekt der neuen Medienwelt.

3.2 Das Kriterium der Wahrheit wird längst durch ein Kriterium, das Viabilität oder auch "Passen" genannt wird, ersetzt. Es beschreibt den Verzicht der Wissenschaften auf Wahrheit. An deren Stelle treten Theorien, die passen oder nicht passen. Im Sinne der Viabilität werden wie für Schlösser Schlüssel produziert. Dabei wird keineswegs davon ausgegangen, daß der beste Schlüssel für das jeweilige Schloß schon existiert, sondern davon, daß immer noch elegantere, besser passende, in tiefere Gemächer führende Schlüssel hergestellt werden.

3.3 Auch die selbstverständliche Form der Erklärung, nämlich die Kausalität (Ursache-Wirkungsverhältnis), ist durch Erklärungsfiguren ersetzt worden, die Schleifenformen annehmen und damit eine Art von Rekursivität schaffen. In diesem Zusammenhang ist vor allem Douglas Hofstatter zu nennen, der mit den Überlegungen zum Ersatz kausaler Denkmodelle durch schleifenförmige Erklärungsmodelle in seinem Buch Gödel/Escher/Bach berühmt geworden ist.

3.4 An die Stelle der Linearität tritt die Darstellungsform der Konfiguration oder Konstellation.

3.5 Das klassifizierende Ordnen der Welt wird durch das spezifisch menschliche Vermögen der Gestalterkennung, "pattern recognition", ersetzt. Da es zeitlich nicht mehr möglich ist, Weltprobleme und Weltverhältnisse in linearen klassifikatorischen Modellen abzubilden, müssen im Augenblick des Geschehens Konstellationen erfaßt, Gestalten erkannt und Muster begriffen werden.

3.6 Auch die alte Vorstellung, daß wir Menschen uns als Subjekte modellieren, die der Welt als Objektwelt gegenübertreten, wird zugunsten eines eher kybernetischen Modells des Verhältnisses Mensch-Welt, also einer Art Regelkreis zwischen Mensch und Welt, aufgegeben.

4. Politische Konsequenzen des Paradigmenwechsels

In meinem Buch "Am Ende der Gutenberg-Galaxis" habe ich mich ausführlich zu diesem Thema geäußert. Es ist naheliegend, in Deutschland eine derartige Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas, einem Vertreter einer aufgeklärten literarischen Öffentlichkeit, zu führen. Das Modell einer aufgeklärten literarischen Öffentlichkeit scheint eben mit der Medienwirklichkeit auch endgültig aufgelöst und zerstört zu sein. Für mich ist die bürgerliche Öffentlichkeit keine Option mehr. An ihre Stelle tritt das, was Marshall McLuhan schon in den 50er Jahren (damals vielbelächelt) Global Village genannt hat. Das elektronische Weltdorf ist mittlerweile nicht mehr Science fiction oder die Vision eines Professors, sondern Glasfaserkabelwirklichkeit. Die Fragen danach, wer nun die bürgerliche Öffentlichkeit ablöst bzw. wie Politik aussehen könnte, wenn die klassische Form des Räsonnements - die Öffentlichkeit - sich nicht mehr konstituieren kann, sind spannende Fragen, die einer Klärung bedürfen.

5. Das abendländische Projekt Wissenschaft

Um das Problem des Wissens im allgemeinen und des Managements von Wissen im speziellen zu verdeutlichen, scheint ein geschichtlicher Kurzdurchlauf durch das Abendland in vier Etappen notwendig.

5.1 Sokrates soll die ironisch bescheidene Formel aufgestellt haben "Ich weiß, daß ich nichts weiß." Mit dieser These beginnt das abendländische Wissen. Sokrates wollte mit dieser Behauptung alles bisherige Wissen in Griechenland diskreditieren. Hintergrund war die Aufdeckung jeglichen nichtwissenschaftlichen Wissens. Sokrates wußte, daß auch sein Wissen bloße Meinung war und nicht Wissenschaftlichkeit. Hinter dieser Pseudobescheidenheit verbirgt sich aber die Auffassung, daß sich Sokrates im Vergleich zu allen anderen Wissenden bewußt war, daß sein Wissen kein wirkliches war. Mit diesem Einbekenntnis der eigenen Ignoranz ist aber der erste Schritt zum wahren Wissen, zur Episteme getan. Mit diesem Trick wurde der Startmechanismus des abendländischen Wissens ausgelöst. Dieselbe Einschränkung des Pseudowissens - wie Sokrates es am Anfang der abendländischen Wissenschaft formuliert hat - hat Kant zweitausend Jahre später wiederholt.

5.2 Auf die Frage "Was können wir wissen?" versuchte Kant in dem berühmtesten philosophischen Buch schlechthin, der "Kritik der reinen Vernunft", eine Antwort zu geben. Auch hier wird nach Rahmenbedingungen und Grenzbedingungen gefragt: Bis wohin geht Wissen? Wo endet mögliches Wissen für Menschen? Wo beginnt der Glaube? In dieser alten Welt konnte jeder Philosoph, Erkenntnistheoretiker oder Wissenschafter seine Forschungsprogramme entwickeln. Aufgrund des überragenden Erfolges des abendländischen Projektes Wissenschaft ging nach einigen hundert Jahren das Erinnerungsvermögen an die ursprüngliche Frage, warum die Maschine Wissenschaft überhaupt in Gang gesetzt wurde, verloren.

5.3 Erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen - vor allem für Historiker - ähnliche Fragestellungen wieder an Relevanz zu gewinnen. Sie suchten Antworten auf die basalste aller Fragen: "Was war es eigentlich, was wir wissen wollten, als wir diese ursprünglichen Fragen gestellt hatten?" Aber auch diese wirklich viel erstaunlichere Frage definiert nicht mehr das Niveau heutiger Probleme.

5.4 Das Problem der Gegenwart ist ein ganz anderes und ich habe versucht, es mit der vierten Formel zu fassen: "Ich weiß nicht, was wir wissen." Dieser Versuch einer Parodie der Sokratischen Formel soll allerdings besagen: "Wir haben Wissen." Es ist sogar zu behaupten, daß wir alles Wissen haben, das wir brauchen. Dieses Wissen ist archiviert - niedergeschrieben oder gespeichert - nur wo es zu finden ist, wird zur Frage aller Fragen. Es fehlt also der Zugang zum Wissen. Schon Max Weber hat zu Recht darauf hingewiesen, daß es keineswegs nötig ist, die Funktionsweise eines Autos zu kennen, vielmehr reicht es aus zu wissen, in welcher Bibliothek die entsprechenden Bücher zu finden sind. Im Gegensatz zu allen früheren Jahrhunderten stellt sich damit nicht mehr ein Research-Problem erster Ordnung - also die Suche nach Wissen über den "dark" Kontinent der Welt -, sondern ein Research-Problem zweiter Ordnung - nämlich: nach dem Wissen vom Wissen selbst. Hierin liegt das Grundproblem unserer Welt - die Komplexität.

6. Komplexitätsmanagement

6.1 Nichtlinearität in der Gutenberg-Galaxis In jüngster Zeit erscheinen zahlreiche Bücher, die den Terminus Chaos im Titel führen. Andere Bücher sprechen von der neuen Unübersichtlichkeit. Diese Buchtitel sind Symptombeschreibungen für das Kernproblem der überhöhten Komplexität der Gegenwart. Dieses Kernproblem ist ein Managementproblem allererster Ordnung. Ich will versuchen zu zeigen, wie Komplexitätsmanagement betrieben werden kann. Naturgemäß existierten Komplikationen schon seit jeher. Das altehrwürdige Buch ist in diesem Zusammenhang auch als Medium des Komplexitätsmanagements zu sehen. Das Kennzeichnende eines Buches ist zwar, daß ein Satz auf den anderen folgt - weshalb es sinnvoll scheint, ein Buch vorne aufzuschlagen und bis zum Ende zu lesen. Dennoch häufen sich in jüngster Vergangenheit Bücher, die im Vorwort bekennen, daß diese ursprüngliche Prämisse durchbrochen werden kann. Es werden alternative Lesarten vorgeschlagen, die als Zeichen dafür zu erachten sind, daß auch in Büchern versucht wird, auf die erhöhte Komplexität zu reagieren. Autoren bemerken zunehmend die Unzulänglichkeit der linearen Darstellungsweise. Eine Technik, die Linearität des Buches zu durchbrechen, ist die Fußnote. Der Autor bietet dem Leser in Form einer Fußnote eine vertiefende Darstellung eines Punktes, der nicht unmittelbar mit dem Duktus des Buches zusammenhängt. Hans Peter Duerr spielte sich in Büchern wie etwa "Traumzeit" schon vor vielen Jahren mit Fußnoten und Anmerkungen ironisch, in dem er den linearen Hauptteil auf ca. 80 Seiten beschränkte und den restlichen Text von ungefähr 250 Seiten in Form von Fußnoten produzierte. Diese ironische Spielweise ist auch als Reaktion auf die Unmöglichkeit einer linearen Darstellung zu verstehen. Eine zweite Technik, die traditionelle Form des Buches zu umgehen, ist das Glossar, das Erklärungen für Termini anbietet, deren Bedeutung nicht unmittelbar vorausgesetzt werden kann. Vor allem bei wissenschaftlichen Werken operieren Autoren zum Zwecke des Ordnens der Gedanken mit Techniken der Nichtlinearität, wie etwa mit dem Zettelkasten, der ebenfalls eine Form von Nichtlinearität darstellt. Der Index schließlich bedeutet eine Hilfestellung für den Leser, der sich für bestimmte Aspekte eines Problembereiches interessiert. Er bietet die Möglichkeit, nichtlinear durch das Buch zu springen, um sich über für ihn interessante Dimensionen einen Überblick zu verschaffen. Diese vier Techniken erlauben es, innerhalb des linearen Mediums Buch Nichtlinearität zu produzieren, also höhere Komplexität zu erreichen.

6.2 Nichtlinearität in den Neuen Medien

Die Funktionsfähigkeit traditioneller Mittel zur Erreichung von Nichtlinearität ist in Frage zu stellen. Heute ist zur adäquaten technischen Umsetzung der hohen Komplexität der Datenverarbeitung der Einsatz von computergestützten Medien von größter Bedeutung. Hinter Zauberwörtern wie Hypertext oder dem entsprechenden verkaufsstrategischen Begriff Multimedia verbirgt sich eine Art simpler Hybridbildung aus Fernsehen, Video, Fotografie, traditioneller computergestützter Textverarbeitung und Voice - bestehend aus eben allen digitalisierbaren Daten. Das neue an diesen Hypertexten ist die Möglichkeit, auf ein und demselben Bildschirm die verschiedensten Medien der Tradition zu synthesieren. Ein einzelner Bildschirm erlaubt es, ein Video, ein Einzelphoto, eine Grafik, eine dreidimensionale Animation, einen Text oder ähnliches zu sehen. Ein Beispiel: Eine der großartigsten Implementierungen von Hypertext ist Strath Tutor - ein Shakespeare-Hypertext. Shakespeares Werke wurden digitalisiert und in den Computer eingegeben. Das Entscheidende dabei ist, daß alle Videoaufführungen von Shakespearestücken, Interpretationen, Bilder von Shakespeares Geburtsort, ebenfalls digitalisiert und mit dem Text gelinkt wurden. Alle gewünschten Medieninformationen können so beliebig verknüpft werden.

Hypertext verwirklicht im Gegensatz zum Buch Nichtlinearität in unbegrenzten Datenmengen, da durch die Vernetzung von Computern auch die Menge der intertextualisierbaren Daten ins Unermeßliche ansteigt. Rekursivität im Hypertext bezeichnet die Möglichkeit, an einer beliebigen Stelle im Hypertext einzusteigen und zu jedem anderen interessierenden Punkt zu navigieren. Navigation ist eine Anknüpfung an die alte Metaphorik der Kybernetik. In Daten navigieren heißt, man liest nicht von vorne nach hinten, sondern bewegt sich im dreidimensionalen Datenraum.

7. Problembereiche der Neuen Medien

Probleme treten mit dem Verlassen der vertrauten Zweidimensionalität auf. Lesen ist eine eindimensionale Tätigkeit. Erst nach dem linearen Lesen eines Buches tritt man in die zweite Dimension des Mediums ein, nämlich wenn man eine Seite ganzheitlich betrachtet. Erst ein Bildschirm oder ein Reklamebild machen eine zweidimensionale Information aus, da die Fläche als ganzes betrachtet wird. Das Wesen des Sprichwortes "ein Bild sagt mehr als tausend Worte" liegt darin, daß tausend Worte eben nur eindimensional aufgenommen werden können, während ein Bild zweidimensional, eben ganzheitlich, wahrgenommen wird. Die fraktaldimensionale Technik im Umgang mit Hypertext (wie etwa mit dem Prinzip des Windowings oder "Fernsterln") bedeutet die Möglichkeit, durch das Öffnen von immer mehr Fenstern in gleicher Richtung in die Tiefe einzudringen. Windowing suggeriert hingegen dieses Eintreten in die Tiefe bloß, da keineswegs tatsächlich dreidimensionaler Raum betreten wird. Vielmehr liegt die Dimension der Informationspräsentation zwischen zwei (Bild) und drei (Raum). Die gegenwärtige, so populär gewordene und viel belächelte, vorläufig letzte Stufe der Informationspräsentation ist Cyberspace. Technisch gesehen bedeutet Cyberspace, daß zum ersten Mal in der menschlichen Kultur Daten dreidimensional aufbereitet und begehbar werden. Erstmals sind Menschen somit in der Lage, Daten in einen Raum zu ordnen und diesen Raum zugleich frei zu begehen. Cyberspace ist eine sensationelle neue Möglichkeit des Komplexitätsmanagements. Eine klassische Formel der Hypertextfreaks ist "lost in hyperspace" oder "lost in cyberspace". Natürlich besteht die Gefahr, in diesem dreidimensionalen Raum die Orientierung zu verlieren. Das klassische Medium Buch bietet demgegenüber naturgemäß sehr viel größere Sicherheitssuggestionen, da elektronische Texte weniger greifbar sind als ein Buch. Goethe ließ in seinem Faust den Schüler, den er für einen offensichtlichen Dummkopf hielt, sagen: "Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen". Auch Hegel entlarvte in der Phänomenologie des Geistes, daß die Sicherheit des Schriftlichen trügerisch ist, da sich Wahrheit nicht einfach "schwarz auf weiß nach Hause tragen läßt".

8. Charakteristika der neuen Kommunikationsverhältnisse

8.1 Multimedialität

Die Kommunikation der Zukunft ist zunächst durch Multimedialität, die Synthese aller klassischen Medien auf einer Benutzeroberfläche, geprägt.

8.2 Visualisierung

Kennzeichen der Kommunikation der Zukunft sind außerdem neue Techniken der Visualisierung. Entwicklungen auf dem Bildsektor sind deshalb erforderlich, da derartige Informationen in einem Bild viel stärker verdichtet werden können, als dies in der Sprache je möglich wäre. Große Massen an Informationen und Daten müssen infolgedessen in Bildern komprimiert dargestellt werden. Visualisierung ist in diesem Zusammenhang als Scientific visualisation zu verstehen, also wissenschaftliche Visualisierung. Es ist dies der Versuch einer präzisen komprehensiven Darstellung von großen Datenmassen in klaren einfachen Bildern. Ein simples Beispiel sind etwa Börsenkurse, die in einem Diagrammschaubild abgebildet sind. Visualisierung kann zusammenfassend als der Königsweg der Datenvermittlung bezeichnet werden.

8.3 Mobilität

Mobilität ist ein Stichwort der zukünftigen Kommunikation, das in den letzten Monaten eine erneute Konjunktur erlebt hat und unaufhaltsam voranschreitet. Mobilität bedeutet in diesem Zusammenhang die Befreiung der Kommunikationsprozesse von bestimmten statischen Techniken. Videotechnik, Mobilfunk u. ä. lassen es heute zu, Bilder und sprachliche Kommunikation beinahe beliebig zu mobilisieren.

Simultanpräsenz

Simultanpräsenz als Charakteristikum der neuen Techniken bedeutet, daß auf einer Benutzeroberfläche verschiedene Arten von Information, wie etwa Bild und Erläuterung, gleichzeitig präsent sind.

8.5 Interaktivität

Interaktivität ist in den neuen Medien eher noch Vision als technische Wirklichkeit. Interaktivität soll den passiven Informationsrezipienten in einen Dialog eintreten lassen. In einigen Computernetzen ist Interaktivität zwar schon gegeben, die Forderung nach genereller Interaktivität muß die Industrie allerdings in den nächsten Jahren noch einlösen.

8.6 Netzwerk

Das Produzieren, Denken und Operieren in Netzwerken ist schon seit langem Realität. Der Abschied vom Stand alone-Kommunikator hat längst stattgefunden. Das Publizieren und Abwarten öffentlicher Reaktionen ist Vergangenheit, heute werden Publikationen der Öffentlichkeit unmittelbar zur Kritik angeboten. Folge dieser Neuerungen könnte sein, daß klassische Formen der Publikation eine andere Bedeutung bekommen. So spricht man etwa in den USA bereits von Wissenschaft beyond publishing. Die Gründe für das zunehmend präferierte Operieren in Netzwerken liegen vor allem in der langen Vorlaufzeit der wissenschaftlichen Periodika bei traditionellen Publikationsformen, sodaß eine echte Kommunikation nicht zustande kommen kann.

8.7 Medienverbund

Medienverbund als letztes Charakteristikum der technischen Neuerungen heißt, daß keine Einzelmedien mehr existieren. So ist etwa auch ein Buch darauf angewiesen, daß es Publizität in den Massenmedien erfährt. Alle Medien stehen miteinander in einer Art Verbundsystem, wodurch Rückkoppelungseffekte entstehen, die das Überleben garantieren.

9. Plädoyer für das Medium Buch

Die Entwicklung der Medienevolution ist unaufhaltsam, weshalb ich es für eine unverantwortliche Illusion der Feuilletonintellektuellen halte, den Menschen zu suggerieren, sie hätten die Wahl, die neuen Medien zu akzeptieren oder nicht. Diese Option existiert nicht. Es stellt sich nur die Frage, ob der einzelne innerhalb dieser Evolution kompetent ist oder ob er sich als Opfer dieser Entwicklungen sieht. Natürlich läuft die Medienevolution gegen den Strich der menschlichen Bedürfnisse. Unsere Antiquiertheit - wie Günther Anders dies schon in den 50er Jahren genannt hat - ist vor allem eine Antiquiertheit vor den neuen Medien und Computertechnologien. Der Mensch wird auch weiterhin ein hinfälliges, zerbrechliches Wesen bleiben - ein "Sammelsurium defekter Schaltkreise", wie Stanislav Lem den Menschen bezeichnete.

Gerade aufgrund dieser Unzulänglichkeit des Menschen werden die traditionellen Medien - hier allen voran das Buch - ihre außerordentliche Bedeutung, allerdings unter geänderten Vorzeichen, behalten. Nicht das Medium Buch an sich ist am Ende, sondern: Das Buch als Leitmedium der Gegenwart ist am Ende. Diese Stelle nimmt der Computer ein. Aber das Buch gewinnt eine neue, sehr edle und achtenswerte Funktion - nämlich die der humanen Kompensation. Das Buch ist das einzige Medium, das den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Es bietet den Trost der Überschaubarkeit. Ein Buch beginnt auf der ersten Seite und endet auf der letzten. Das betrifft vor allem Romane, die meines Erachtens vor einem grandiosen Aufschwung stehen. Das spezifisch menschliche Verlangen nach einer überschaubaren Welt, nach klaren Strukturen und Ordnungsmustern kann von den klassischen Medien und vor allem vom Buch am besten befriedigt werden.

(Aus: http://www.spoe.or.at:80/zuk/modernti/gutenber.htm)


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