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Da kam die Lawine zum Stillstand ...
(Predigt zu "Jesus und die Ehebrecherin")

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Es war ein höchst dramatischer Moment, als eine Meute blutrünstiger Menschen die Ehebrecherin vor Jesus hinzerrte. Dieses Ereignis wurde für Jesus zu einer Herausforderung, die ihn im Innersten erschütterte. Nicht leicht, sondern aus einem schmerzhaften inneren Ringen heraus fand er die berühmte Antwort, mit der er die Lawine der Gewalt zum Stillstand brachte.
Publiziert in:# Predigt in Ampass am 1. April 2001.
Datum:2001-11-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Jesus und die Ehebrecherin. Diese Geschichte gehört zu den schönsten und faszinierendsten Jesuserzählungen. Bereits wenn man sie oberflächlich anhört, ist sie höchst reizvoll:

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  • Da ist die Ehebrecherin: eine hilflose Frau, die sich nicht wehren kann. Jesus setzt sich ein für sie. Er verteidigt sie, wendet sich ihr zu, vergibt.
  • Da ist der schlaue Jesus, dem man nicht so einfach eine Falle stellen kann. Mit ganz ungewöhnlichen Antworten gelingt es ihm, sich aus der Schlinge zu ziehen und die Falle über seinen Angreifern zuschnappen zu lassen.
  • Und da sind die kleinkarierten Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie können ihre bösen Absichten gegen Jesus und die beschuldigte Frau nicht ausführen. Wieder einmal müssen sie gedemütigt das Feld räumen.
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Erst wenn wir genauer hinsehen, gibt die Erzählung ihren Reichtum frei. Wie ein guter Wein, den wir in ein breites, offenes Gefäß schütten, damit er sein Bukett entfalten kann; wie ein wertvolles Buch oder ein gutes Lied, das nicht nur beim ersten Mal anspricht, sondern mit jedem weiteren und tieferen Anhören schöner wird.

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Probieren wir es, lassen wir uns etwas tiefer auf diese Geschichte ein. Stellen wir uns die Situation so lebendig wie möglich vor.

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Jesus ist im Tempel. "Alles Volk kam zu ihm. Er setzt sich und lehrte es." - Begeben wir uns also in den Tempel, genauer den Tempelvorhof, und sehen uns um.

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Dass jemand im Tempel sitzt und die Leute lehrt, ist übliche Praxis. Hier wird viel gelehrt, diskutiert, erörtert. Viele Menschen stehen in Gruppen herum, debattieren oder hören zu. Schließen wir uns der Gruppe um Jesus an. Da fällt gleich ein Unterschied auf. Es sind etwas andere Leute, die rund um ihn herum stehen. Nicht nur die Studierten, sondern auch einfaches Volk ist dabei, und auch manche zwielichtige Gestalt, die im Tempelbereich nicht gern gesehen wird. Was hat dieser Jesus zu sagen, dass auch diese Leute ihm so gefesselt zuhören? Hören wir ihm ein wenig zu. Er spricht von Gott, der uns liebt und eine neue Chance gibt. Von Barmherzigkeit und Liebe, die von uns gefordert ist, weil wir sie geben können. Und dass das viel wichtiger ist als das Gesetz mit den 10 Geboten und Hunderten von Regeln, die den frommen Juden auferlegt sind. Jesus spricht nicht direkt gegen das Gesetz, aber gegen die Tendenz, es in einem engen, lieblosen Sinn auszulegen und damit seinen ursprünglichen Sinn von Gnade und Liebe zu pervertieren. Diese Worte sind "frohe Botschaft", oder griechisch: "Evangelium" für die Einfachen, für diejenigen, die als "Sünder" gelten, die im Namen des Gesetzes ausgestoßen sind.

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Was aber werden die offiziellen, strengen Vertreter der Religion über so eine Lehre sagen? Wir kommen nicht dazu, darüber weiter nachzudenken. Ein Tumult lenkt uns ab. Eine wilde Gruppe von Menschen ist in den Tempelhof eingedrungen, und mit lautem Geschrei zerren sie eine Frau mit sich.

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"Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?"

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Die Leute sind erschreckt. Tatsächlich, es gibt dieses alte Gebot, das befiehlt, Ehebrecher zu steinigen. Es steht sogar in der Bibel. Es gilt für ganz schwere Vergehen: Mord, Ehebruch, schwere Gotteslästerung. Aber nur mehr selten wird es angewandt. Das Steinigen ist ein wildes Ritual: die Menschen rund um den Beschuldigten steigern sich in eine richtige Raserei, sie rennen herum, zerren das Opfer mit sich, klauben Steine auf, wie beiläufig, ohne viel daran zu denken, was sie damit machen werden. Der eine tuts, der andere auch. Wie eine Lawine wälzt sich die Menge, wälzt sich der Hass und wird groß. Ein erster Stein fliegt, dann ein zweiter, - ein richtiger Steinehagel. Dann ist alles vorbei. Für das Opfer war es das Ende, und für die Menge ein reinigendes Gewitter. Bei einer Steinigung gibt es keinen Henker. Keiner muss die Verantwortung übernehmen. Jeder hat nur mitgemacht. Jeder war nur Schneeflocke in der Lawine. Ausführender ist Gott, der in seinem Zorn die richtende Menge führt.

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Und so eine Menge, eine Lawine im Anfangsstadium, wälzt sich nun über den Tempelvorhof, dem lehrenden Jesus entgegen. In der Menschenmenge sind angesehene Leute, Pharisäer und Schriftgelehrte. Was haben sie vor? Warum fangen sie mit diesem wilden, selten gewordenen Ritual wieder an? Lukas schreibt kurz und bündig: "Sie wollten Jesus auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen."

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Allen ist klar, worin die Falle besteht, die sie Jesus stellen. Entweder Jesus gibt dem alten Gesetz recht, dann straft er alles Lügen, was er bisher gesagt hat vom barmherzigen Gott. Das wird er kaum tun. Also wird er sich auf die Seite der Ehebrecherin schlagen und das Gesetz Mose ablehnen. Dann haben sie ihn als Gesetzesbrecher, als Gotteslästerer. Dann ist er das logische nächste Opfer für eine Steinigung. Ihr eigentliches Opfer. Die Ehebrecherin dient ihnen da nur als Werkzeug.

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Was geschieht jetzt, was wird Jesus tun?

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Der wilde Tumult hört fast augenblicklich auf. Stille tritt ein. Die Zeit scheint stehenzubleiben. Wir sehen Jesus, wie er zögert, wie er um eine Antwort ringt. Natürlich kennen wir diese Antwort, die er ihnen geben wird, - Sie wurde uns längst zu einem geflügelten Wort. Aber legen wir sie Jesus nicht zu schnell in den Mund. Das geht nicht wie aus der Pistole geschossen. Da passiert zunächst anderes, Unverständliches.

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Die Stille zieht sich, die Spannung steigt. Wir sehen das Gesicht Jesu, Es hat sich verdüstert, es ist traurig geworden, unendlich traurig. Was spielt sich in Jesus ab, in diesen langen Sekunden...?

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Gewiss, er hat gemerkt, dass sie ihm eine Falle gestellt haben. Aber da ist keine Angst, eher Zorn, aber besonders: diese fast verzweifelte Traurigkeit. Warum? Ist er enttäuscht, weil gerade die bedeutendsten Bürger blind sind für seine Botschaft vom liebenden Gottvater? Ist er zornig über die Herzenshärte dieser Menschen, die so ganz ohne Mitleid sind, die hinrichten anstatt aufzurichten? All das wird hier mitspielen. Aber was diesen Jesus am tiefsten treffen musste: da wird ein Keil hineingetrieben zwischen ihm, seiner Botschaft und dem Gott Jahwe, dem Gott des alten Testaments, der zehn Gebote, der Juden, der doch genau jener Gott ist, den Jesus Vater nennt und den Menschen mit liebendem Antlitz nahebringen will. In allem, was dieser Jesus lebt und tut, lebt er von diesem Vater her. Und nun wird er damit konfrontiert: das ist gar nicht dein Gott. Der wahre Gott ist anders. Der wahre Gott hat auch ein furchtbares Gesicht. Da geht es nicht nur um die Verbohrtheit der Pharisäer, da steckt eine echte Frage drin, eine Infragestellung dessen, von dem her Jesus lebt. Ein dunkler Schatten fällt auf seinen Gott.

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So ballen sich in dieser Situation gleich mehrere Konflikte zusammen:

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  • die Schriftgelehrten gegen Jesus
  • die selbstgerechten Religionsführer gegen die Sünder
  • der Gott der Juden gegen den Gott Jesu.
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Da kann sich Jesus nicht für den einen oder für den anderen entscheiden. Denn beides gehört zusammen. Darin besteht die Falle, darin die Versuchung. Daher die Traurigkeit, vielleicht sogar Verzweiflung, die sich in den Zügen Jesu widerspiegeln.

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Aber jetzt hat sich Jesus bewegt, was tut er da?

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"Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde."

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Jetzt kommt auch Bewegung in die Menge. Die Pharisäer wollen keine Zeichenhandlung, sie wollen eine klare Antwort. Und sie fordern sie ein.

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Jesus scheint auf sie nicht zu achten, er schreibt weiter.

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Dann richtet er sich auf, wendet sein Gesicht den Fragenden zu. Es ist traurig, und etwas von Zorn schwingt in seiner Stimme, aber kein Hass: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster den Stein auf sie."

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Diese Worte bringen die Lawine zum Stillstand.

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Hätte Jesus die Ankläger direkt angegriffen, so hätte ihr Zorn neue Nahrung erhalten. Auf einen direkten Angriff Jesu waren sie bereits vorbereitet. Das hätten sie als Angriff gegen das Gesetz des Mose, gegen das Gesetz Jahwes aufgefasst. Denn in seinem Namen wüteten sie ja gegen den Gesetzesbruch.

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Mit seinen Worten bricht Jesus die Regel der Anonymität, welche die Steinigung ermöglicht. Jeder hat nur mitgemacht. Nun muss der erste vortreten, sich als würdiges Instrument des Willens Gottes erweisen, sich als sündenlos deklarieren. Wer den ersten Stein wirft, übernimmt die Verantwortung für das ganze Geschehen, macht sich zum Henker, muss vielleicht dafür geradestehen...

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Deshalb waren Jesu Worte so wirkungsvoll. Deshalb konnten sie die Lawine des Hasses zum Stillstand bringen.

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Verlassen wir an dieser Stelle den Tempelhof und die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin. Auch wenn uns damit vieles entgehen wird. Etwa Jesu Worte zur Ehebrecherin, als er allein mit ihr zurückbleibt. Auch sie entlässt er nicht aus ihrer Verantwortung: "Gehe hin und sündige nicht mehr".

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Zum Schluss ein kurzer Gedanke zur entscheidenden Frage: Was hat denn diese Geschichte mit uns heute zu tun? Heute werden doch keine Menschen mehr gesteinigt? Im buchstäblichen Sinn gewiss nicht. Aber wie viele Menschen werden ausgestoßen, abgeurteilt, erledigt durch eine Fülle von kleinen Steinen: Nadelstiche, Gerüchte. Ob es nun ungeliebte Dorfbewohner, Gemeinderatsmitglieder, Politiker sind. Wie leicht ist es, ein kleines Scherflein nachzulegen, am Biertisch, am Küchentisch, im Bus; und damit Schmunzeln, Zustimmung auf Kosten anderer zu erlangen. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein" - Diese Worte Jesu sind heute so aktuell wie damals.

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