
Psychiatrie HALL: Dem Gedenken einen Ort, der Auseinandersetzung einen Raum, dem Lernen einen Platz... Die Geschichte der Psychiatrie
im historischen Raum Tirol wurde bisher nicht ausreichend wahrgenommen,
geschweige denn wissenschaftlich umfassend erarbeitet. Das interdisziplinäre Interreg
IV Projekt „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen
und Patienten im historischen Raum Tirol – Südtirol von 1830 bis zur Gegenwart“
hat in dreijähriger Arbeit daran etwas geändert und fünf Ziele
realisiert. Ein Lern- und GedenkortDie interdisziplinäre Zusammenarbeit von MedizinerInnen, Pflegekräften, HistorikerInnen und PädagogInnen hat die Realisierung von fünf Projektzielen ermöglicht. Die nachhaltigste Wirkung des gesamten Projekts könnte durch die Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes im Historischen Archiv des Landeskrankenhauses in Hall erzielt werden. „Das Landeskrankenhaus Hall ist eine der letzten landespsychiatrischen Einrichtungen in Österreich, in der eine Gedenktafel, ein Mahn- und Denkmal für die Opfer der NS-Zeit fehlt. Wir denken, das sich das mit der Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes ändern sollte“, erläuterte Prof. Michaela Ralser vom Institut für Erziehungswissenschaft. Eine nachhaltige Wirkung nicht nur deswegen, weil ein solcher Ort die Zugänglichkeit der historischen Materialien erhöhen und damit die wissenschaftliche Auseinandersetzung intensivieren würde, sondern es würde auch eine Lernplattform für alle Interessierten entstehen können und ein Ort des Erinnerns an die NS-Euthanasie - auch für die Angehörigen der Opfer. „Um für die Zukunft gerüstet zu sein, muss man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Dieses Projekt ist für uns ein Meilenstein um die Vergangenheit der psychiatrischen Geschichte in Tirol aufzuarbeiten“, äußerte sich DDr. Wolfgang Markl, Kaufmännischer Direktor LKH Hall, positiv zum Lern- und Gedenkort. Geplant ist die Umsetzung des Lern- und Gedenkortes laut Markl in vier bis fünf Jahren im Haus 1 des Psychiatrischen Krankenhauses des Landes Tirol. Ein Projekt – viele ErgebnisseEin wesentliches Projektergebnis stellt auch die Ausstellung „Ich lasse mich nicht länger für einen Narren halten“, die noch bis zum 29. Februar 2011 im Zentrum für Alte Kulturen der Universität Innsbruck zu sehen ist, dar. Die zweisprachige Wanderausstellung, die von Lisa Noggler-Gürtler und Celia Di Pauli kuratiert wurde, rückt in ihrer Darstellung die PatientInnen in den Mittelpunkt. Ausgehend von den Krankenakten und Fallgeschichten berichtet die Ausstellung von medizinischer Behandlung ebenso wie vom Alltagsleben in der Psychiatrie. Das Ausstellungsinterieur wird ebenfalls Teil des Lern- und Gedenkortes in Hall werden. Der Lehr- und Lernfilm „Die (un)sichtbare Arbeit. Zur Geschichte der psychiatrischen Pflege im historischen Tirol von 1830 bis zur Gegenwart“ / “Lavoro [in]visibile. La storia dell’assistenza psichiatrica nel Tirolo storico dal 1830 a oggi“ ist das Ergebnis eines dritten Vermittlungsziels. Der Film behandelt die psychiatrische Pflegegeschichte und erschließt dieses bisher noch kaum beachtete Thema für Unterrichts- und Fortbildungszwecke im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege. In diesem Sinn erzählt der Film ein weiteres Stück Tiroler Psychiatriegeschichte. Eine Publikation in deutscher und italienischer Sprache mit dem Titel „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830“ bzw. „Ambienti psichiatrici. La psichiatria e i suoi pazienti nell'area del Tirolo dal 1830 a oggi” ist das vierte Teilprojekt. Das Buch soll möglichst viele LeserInnengruppen ansprechen und auf die Vielfältigkeit der Untersuchungsebenen und -felder moderner Psychiatriegeschichtsforschung aufmerksam machen. Die deutsche Ausgabe, die erst seit kurzem druckfrisch vorliegt, kann beim Verlag Innsbrucker University Press gegen einen geringen Selbstkostenpreis für Abwicklung und Versand erworben werden. „Die Buchpublikation in italienischer Sprache wird in zwei Wochen erscheinen. Die Bilingualität des Projektes ist besonders relevant, da das Interesse im italienischen Raum für das gesamte Projekt sehr groß ist“, erklärte Mag. Siglinde Clementi, Direktorin Geschichte&Region. Ein letztes Projektergebnis ist eine Online-Dokumentation in Form einer deutsch- und italienischsprachigen Website. Dabei handelt es sich um ein Themenportal zur Tiroler Psychiatriegeschichte, das eine Sammlung von Materialien wie Bildern, Quellen, Tabellen dokumentiert und für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Die Website wurde im Oktober 2009 online gestellt: http://psychiatrische-landschaften.net ; http://www.psichiatria-confini.net
Weitere Informationen: http://psychiatrische-Landschaften.net | Foto Download![]() Bildunterschrift: Mag. DDr. Wolfgang Markl, M.Sc., Kaufmännischer Direktor LKH Hall, Prof. Michaela Ralser, Institut für Erziehungswissenschaft, und Mag. Siglinde Clementi, Direktorin Geschichte und Region, sprachen über das Interreg IV-Projekt. ![]() Bildunterschrift: Die Ausstellung "Ich lasse mich nicht länger für einen Narren halten" ist eines von fünf Projektzielen. ![]() Bildunterschrift: Eine Postkarte der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hall ![]() Bildunterschrift: Die Transporte der Patientinnen und Patienten im Jahr 1941 ![]() Bildunterschrift: Psychiatrische Landschaften ist ein Interreg IV Projekt. Rückfragehinweis: Bakk. Mag. Nina Hausmeister Ao. Univ.-Prof. Dr. Michaela Ralser |