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Mittwoch, 28. Februar 2007, 20 Uhr
Literaturhaus am Inn

Angelika Reitzer. Taghelle Gegend (Haymon 2007)
Gabriele Petricek. Zimmerfluchten (Literaturedition Niederösterreich 2005)

Einführung. Christine Riccabona


Der heutige Abend ist zwei Autorinnen gewidmet, die vor kurzem mit ihrem ersten Buch in Erscheinung getreten sind: Angelika Reitzer, deren Romandebüt "Taghelle Gegend" vor wenigen Wochen bei Haymon erschienen ist und Gabriele Petricek, deren Erzählband "Zimmerfluchten" im letzten Jahr in der Literaturedition Niederösterreich heraus gekommen ist. Beide Autorinnen sind zuletzt auch gemeinsam in der Anthologie des Residenzverlags "50 frische Texte aus Österreich" (2006) vertreten. Was an einzelnen Texten bisher bekannt war, hat neugierig gemacht auf die Autorinnen: "Sonnenschirme" beispielsweise von Angelika Reitzer im Internet-Magazin "Aurora" oder der Vorabdruck von Gabriele Petriceks Erzählung "Das Meerprinzip" in der Wiener Zeitung.

Angelika Reitzer lebt und arbeitet nach längeren Salzburg- und Berlinaufenthalten in Wien. Sie Hat ihr Studium der Germanistik und Geschichte mit einer Arbeit über Ernst Jandls Poetik abgeschlossen und seit sie selber literarisch tätig und dabei sehr produktiv ist (wie viele ihrer Generation betreibt sie auch einen Weblog: http://angelikaexpress.twoday.net), hat sie bereits zahlreiche Preisen erhalten: 1999 den Meta-Merz-Preis, 2003 den Literatur-Preis der Stadt Steyr , 2004 das Österreichisches Staatsstipendium für Literatur sowie im selben Jahr den Manuskripte Literaturförderpreis.

In der Jurybegründung des Manuskriptepreises hieß es über ihre Prosa sinngemäß, dass es der Autorin gelänge, durch eine präzise Wortwahl alltägliche Szenen auszuleuchten. Damit ließe sich auch auch das Erzählen in "Taghelle Gegend" charakterisieren: Es wirkt immer wieder überraschend unsentimental im Ton, ist aber dennoch sehr poetisch im Reichtum der Bilder und in der sensiblen Ausgestaltung vieler scheinbar nebensächlicher Details.

Der Roman beinhaltet keine große und in diesem Sinne etwa eine dramatische oder gar schicksalhafte Handlung, keine "story" - diese würde das feine Geflecht von Beobachtungen und subtilen Veränderungen der Hauptfigur überblenden.

Wenn man den Roman von Angelika Reitzer mit einem Vergleich zur Malerei näher charakterisieren wollte, müsste man sagen, dass "Taghelle Gegend" kein Bild, kein "Gemälde" mit einer zentralen Perspektive und einer geschlossenen Komposition der dargestellten Welt ist, sondern dass "Taghelle Gegend" vielmehr eine Nähe zu einer Mappe mit Skizzen hat und dass sich die Autorin der Technik des Pointilismus bedient, in der mittels Auflösung in kleinste Farb-Elemente die Atmosphäre und die Stimmung einzelner Szenarien zum Vorschein gebracht wird. So verschmelzen im Roman kleine Erzählsegmente, kleine Episoden zum Lebensbild von Maria, der Hauptfigur. Diese aneinandergereihten, nur lose verknüpften Erzähleinheiten führen nahe an die Figur heran, manchmal so nahe, bis sie selber zu sprechen beginnt, bis die Erzählerin wie selbstverständlich in die Ich-Form kippt, - und gerade daran kann man die Bewegungen und inneren Verwandlungen der Hauptfigur ablesen und mitverfolgen.

Wir durchschreiten das Panorama ihrer Erlebniswelt, fühlen mit der Protagonistin die Abneigung gegenüber der "Absehbarkeit des Lebens", der Vorhersehbarkeit der kleinen Welt am ländlichen Stadtrand. Wir brechen mit ihr aus, wandern mit ihr durch die Straßen: Maria begegnet Menschen, Marie wechselt Orte und Zeiten, erlebt Nähe und Ferne in ihren Beziehungen. Sie erinnert sich an ihre Kindheit - oder präziser ausgedrückt: Maria "vergegenwärtigt" Kindheitserlebnisse, die dadurch eine große Präsenz und Intensität bekommen. Es gibt diesen bemerkenswerten Satz im Roman zu einem Foto, das aus einem alten Album fällt, ein Kindheitsbild, in dem sich die Erzählerin spiegelt und wiederfindet: "ein Mädchen, die Augen fest geschlossen, als würde es sich lieber alles selber vorstellen, bevor das Bild auf einen Farbfilm transportiert wird. Und verblasst." (S. 170)

Der Roman verweigert sich jeder linearen Perspektive, vielmehr durchdringen das Vergangene und das Gegenwärtige einander. Der Blick der Erzählerin ist gleichzeitig und überall: im Zurückdenken, wie in den Reflexionen zum gegenwärtigen Moment. Momentane Wirklichkeiten und zukünftige Möglichkeiten stehen gleichwertig nebeneinander. Dieser Wechsel der Perspektiven und die fragmentarische Szenarien ergeben ein spannendes Mosaik, das alles neu Erfahrene als Facette im Ganzen und im Licht des Romans - und das bedeutet auch in der Sprache des Roman - erscheinen lässt: "es ist mehr eine Neuerfinden, die Geschichte kennt sie" (S. 85) Angelika Reitzer ist als ausgebildete Germanistin mit avantgardistischen Schreibweisen vertraut und hat nicht zufällig einen interessanten Essay unter anderem über Gertrude Stein, die Ahnfrau der Moderne, verfasst. Auch die Tatsache, dass sie auch die Form des Drehbuchs zu ihrem Genre zählt, ist insofern bemerkenswert, weil ihre Prosa einen kameraähnlichen Wahrnehmungswinkel hat.

"Taghelle Gegend" ist ein Text, der eine Lebensgeschichte erzählt, der sie auslotet und ausleuchtet, Maria erzählt - und wird dabei beobachtet oder: beobachtet sich selbst dabei? Wir folgen lesend ihrem Ausprobieren verschiedener Lebensformen und ihrer Suche nach den Konturen ihres Eigensinns. Lassen Sie sich überraschen!

Man merkt es ihren Texten an: Gabriele Petricek ist ein Augenmensch: Sie ist ausgebildete Modedesignerin, das heißt: Sie ist sie geschult im Umgang mit Proportionen, Formen und Silhouetten. Sie weiß, wie das richtige Verhältnis von Linien und Flächen zur Wirkung gebracht wird. Und dass vor allem ein sorgfältiges Schnittmuster Voraussetzung ist für das nahtlose Zusammenfügen der Teile zu einem Ganzen. Darin liegt eine große Nähe zu ihrer literarischen Arbeit.

Gabriele Petricek ist in Krems geboren, hat einige Kindheitsjahre hier in Innsbruck verbracht und lebt und arbeitet derzeit in Wien. Für ihre Texte, die in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften erschienen sind, erhielt sie bereits folgende Preise und Stpendien:1995 den Theodor Körner-Förderungspreis für Literatur, 1999/2000 das Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich und 2002/2003 sowie 2003/2004 das Staatsstipendien für Literatur.

Neben ihrer literarischen Tätigkeit ist sie im Kunstbereich als freie Journalistin tätig und verfasst Beiträge für Zeitschriften, Ausstellungskataloge und diverse Medien über Design, Mode, Bildende Kunst und Architektur. Sie arbeitet also an Texten, die vor allem eines brauchen: das genaue Hinschauen und das Erfassen des Besonderen, das in der Kombination aus Farbe und Form liegen kann, oder in einem besonderen Einfall des Lichts, jedenfalls in atmosphärischen Details, die meist schwer fassbar sind und für die es ein besonderes Gespür braucht.

Die Fähigkeit, einen eigenwilligen bewussten Blickwinkel zu dem einzunehmen, was sie beobachtet, zu ihrem Gegenstand oder dem Thema - dieses Spiel mit dem bewusst gewählten, bewusst veränderten Einfallswinkel der jeweiligen Erzählerin -das macht den besonderen Reiz der sieben Geschichten im Band "Zimmerfluchten" aus. Der Titel des Erzählbandes "Zimmerfluchten" ist doppelbödig aufzufassen, begleiten wir doch einerseits die Figuren der Erzählungen zumeist auf ihren Fluchtwegen aus ihren Lebenszimmern, (symbolisch gesprochen: bei ihren Schritten über die Schwelle), wie doch andererseits in "Zimmerflucht" die Bedeutung mitschwingt, die zu tun hat mit architektonischem Abmessen, mit dem Radius und den Umrissen von Lebensräumen bzw. Lebensgeschichten. Und das ist es, was die sieben Erzählungen auch sind: ein ausschnittweises Erkunden der Lebensräume und Situationen der Figuren.

Dies geschieht detailgenau, wie mit dem Sucher der Kamera festgehalten: lakonisch, aber immer mit dem Blick, der quasi jedes Vorwissen auch jede Voreingenommenheit und jede Sehgewohnheit abgelegt hat. Und dieser Blick macht das ganz Alltägliche fremd, lässt es wie zum ersten Mal wahrgenommen erscheinen und bewirkt dann manchmal auch für Momente das Kippen in eine surreale Welt.

Mitunter ist in ihren Geschichten eine Kühle spürbar, die von einer großen Distanz zwischen den Menschen herrührt, auch wenn sie sich begegnen oder gegenüber sitzen, auch wenn einer - wie zum Beispiel in der ersten Geschichte - mit einem Kuchengeschenk an der Tür läutet: Die Einsamkeit der Figuren bleibt an ihnen haften und manchmal entpuppt sie sich als bedrohliche Feindseligkeit und Fremdheit.

Wichtig in Gabriele Petriceks Schreiben ist eine Choreografie des Andeutens und Aussparens, mit der sie Atmosphären entstehen lässt, die sehr oft auch von äußeren Gegebenheiten mitbestimmt werden: vom Wetter, von der Landschaft, vom Ambiente und den Dingen der Außenwelt. Auf solchen Äußerlichkeiten baut die Autorin Brücken bauen in die Innenräume der Figuren.

Gabriele Petricek "erzählt mit verblüffender Präzision von Menschen, die an ihrem Begehren straucheln. Von Einzelgängern, Fremdgängern, Außenstehenden, deren Leben sie in die Ungewissheit der Existenz entlässt." So steht es zu lesen auf der Rückseite des Erzählbandes.

Derzeit ist Gabriele Petricek dabei, ihren zweiten Erzählband mit dem Titel "Von den Himmeln" fertig zu stellen. Auch darin wandert die Autorin weiter hinein in die dunklen Seiten der Existenz, dorthin wo sich Abgründe auftun, wo Menschen auf Abwege geraten und aus verschiedensten Gründen in einer selbstverschuldeten "Einzelhaft" dahinleben, nicht mehr fähig sind, Beziehungen zu knüpfen - Sonderlinge also. Gabriele Petricek erkundet ihre Lebensräume, erforscht schreibend verhängnisvolle "Lebensüberrumpelungen", die manchmal plötzlich, manchmal auch langsam und allmählich über eine Existenz hereinbrechen. Drei Erzählungen sollen im zweiten Band vereint werden, die dadurch miteinander verknüpft sind, dass die Lebensfäden der Figuren in die jeweils anderen Lebensgeschichten hineinverwoben sind. Aus der ersten dieser neuen Erzählungen wird die Autorin nun vorlesen.