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Molta. Von Anita Pichler.
Molta riß das Kind aus dem Schlaf, nahm es in die Arme und schleppte es fort aus dem Dorf, den Berg hoch, aufwärts. Die Füße waren schwer im Schlamm, sie mußte den rollenden Felsbrocken ausweichen; mußte Baumstämme umgehen, die wie Splitter aus Erde und Steinlawinen ragten. Die Augen schmerzten in der Sonne, sieben Tage lang hatte es nicht aufgehört zu regnen, Molta hatte zitternd gehört, wie die Wasser alles fortrissen, Bäume und Wiesen in Abgründe sogen, Steine darüberwälzten und Schlamm. Auf der Anhöhe, wo sich früher Almen ausgebreitet hatten, hörte sie jetzt das Blöken der Tiere, unter Bäumen und Steinen waren sie lebendig begraben. Molta ließ alles hinter sich, floh aufwärts, den Felsen zu, sie brauchte eine sichere Höhle für sich und das Kind, in die kein Wasser dringen konnte, die kein Sturmwind in die Tiefe riß. Molta robbte am Berg aufwärts, weit über den Wald. Endlich wagte sie es, anzuhalten. Sie holte Wasser aus dem Bach, wusch das Kind. Sie schleppte sich am Wacholder vorbei, duckte sich vor dem Adler, der neben ihr niederstieß. Sie sah die Geier über das leere Dorf kreisen, als sie ihre Kreise tiefer zogen, drückte Molta das Kind enger an die Brust. Sie wollte die Höhlen der Murmeltiere erreichen; da hatte sie einmal gelebt, bevor sie abwärts gezogen war, in warme Täler, da oben waren Molta und das Kind sicher. Eine alte Frau lebte dort, eine Aguana, eine Wasserfrau. Die kannte Wurzeln und Pilze, Kräuter und Blüten, alles, was wuchs und zum Leben taugte, für Schlaf und Traum. Aguana, flüsterte Molta, das Wasser aus dem Bach hatte ihre Zunge gelöst, doch schwach war der Atem, vermochte es kaum, die Stimme aus dem Körper zu tragen. Molta kroch zwischen Latschenkiefern und Gras. Der Wind trug ihren Geruch weiter, Murmeltiere pfiffen, kündeten von einem Felsen zum nächsten ihre Ankunft an, scheuchten die Aguana aus der Hütte und versteckten sich in ihren Höhlen. Molta sank an einen Stein, die Aguana starrte auf die Stumme, Totenblasse, Sterbende, nahm den Kopf der Frau in ihren Schoß und erkannte Molta. Die hatte als Kind hier gespielt, sie schloß der Toten die Lider. Da kamen die Murmeltiere aus ihren Verstecken, stellten sich im Kreis um die tote Frau, die Aguana und das Kind und sangen: Die Menschen haben die Berge verlassen und sterben, die Menschen haben die Wasser verlassen und sterben, die Menschen haben die Tiere verlassen und sterben. Sie zogen die Leiche der Frau mit sich fort. Die Aguana nahm das Mädchen zu sich und gab ihm den Namen Moltina.
In: Anita Pichler, Markus Vallazza: Die Frauen aus Fanis. Fragmente zur ladinischen Überlieferung. Mit Erläuterungen und einem Nachwort von Ulrike Kindl. Innsbruck: Haymon 1992. S. 22 f. Textabdruck mit freundlicher Genehmigung des Haymon-Verlages.
Anita Pichler ist tot. Was sich mit ihr aus dem Leben verabschiedet, ist - neben einem außergewöhnlichen Charakter, der Unerschütterlichkeit und Zartheit vereinte - eine große literarische Begabung. Sie hinterläßt Texte, die durch sprachliche Dichte und einen klaren Blick auf das Wesen der Dinge bestechen. Ihre Art zu erzählen war nicht weitschweifig, sondern tiefgründig. Anita Pichler hatte schreibend mehr als zwei Augen zum Sehen. Mit der Neu-Erzählung der Fanis-Sagen zeigte sie, daß der Mythos den Blick auf die Wirklichkeit nicht verzerrt, sondern korrigiert. Wir trauern um die Südtiroler Schriftstellerin, die am 6. April 1997 gestorben ist.
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