Vorgestellt: Dem Sozialstaat empirisch auf der Spur

Wie kann das Gesundheits- und Sozialsystem optimiert werden? Wie effektiv sind sozialpolitische Maßnahmen? Welchen Einfluss hat die Geburt vonEnkelkindern auf das Arbeitsangebot von Großeltern? Mit diesen und ähnlichen Fragen befasst sich Martin Halla, der seit Oktober 2014 Professor am Institut für Finanzwissenschaft an der Universität Innsbruck ist.
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Martin Halla ist seit Oktober 2014 an der Universität Innsbruck.

„Die Gesundheitskosten könnten niedriger sein, wenn kranke Menschen mehr in Krankenstand gingen“, sagt Prof. Martin Halla. Der empirisch orientierte Ökonom ist seit Oktober 2014 Professor am Institut für Finanzwissenschaft in Innsbruck und beschäftigt sich unter anderem mit der Wechselbeziehung zwischen Arbeit, Familie und Gesundheit und dem Einfluss von staatlichem Handeln auf diese Lebensbereiche. Kürzlich hat er den Einfluss von finanziellen Leistungen der Sozialversicherung und der Betriebe im Rahmen bei Krankenständen untersucht. „Je nach Arbeitsverträgen, Kollektivverträgen und Branche sind die Kosten für den Krankenstand unterschiedlich zwischen dem Arbeitnehmer selbst, dem Arbeitgeber und der Sozialversicherung aufgeteilt. Diese Aufteilung ist auch regelmäßig Thema in Politik und Medien“, erklärt der Ökonom. „Wir haben uns anhand von anonymisierten Daten des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger angesehen, welchen Einfluss die Kostenaufteilung auf den Krankenstand hat.“ Die Extrempole, die es in dieser Form in Österreich beide nicht gibt, wären: Wer krank wird, bekommt ab dem ersten Krankenstandstag kein Gehalt mehr – oder im Gegenteil bekommt er oder sie das gesamte Gehalt für die Dauer der Krankheit, unabhängig von deren Länge. „Bei Krankenstandskosten für den Arbeitgeber und der Länge des Krankenstands lässt sich ein Effekt beobachten: Mitarbeiter, die dem Arbeitgeber im Krankenstand vergleichsweise viel kosten, sind deutlich kürzer in Krankenstand als jene, bei denen die Sozialversicherung die Kosten übernimmt.“ Die Gesundheitskosten auch im Nachhinein steigen übrigens, wenn Kranke nicht in Krankenstand gehen: Sie kurieren sich nicht richtig aus. Mehr Krankenstände wären für das Gesundheitssystem im Ganzen also durchaus positiv, weil nicht so teuer.

Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen

Der angewandten Mikroökonomie sind auch andere Forschungsvorhaben des gebürtigen Linzers zuzuordnen: So hat er sich zum Beispiel die Auswirkung von finanziellen Leistungen auf Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen genauer angesehen. „Der Mutter-Kind-Pass enthält eine ganze Reihe von medizinischen Untersuchungen, die zu Beginn an das Kinderbetreuungsgeld gekoppelt sind – diese frühen Untersuchungen und Impfungen von Babys lassen auch fast alle Eltern machen. Spätere Untersuchungen sind aber nicht mehr an Geldleistungen gekoppelt“, sagt Martin Halla. Ausnahme ist Oberösterreich: Seit 2000 bietet das Bundesland eine eigene finanzielle Unterstützung für Familien, die wiederum an jene Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen gekoppelt ist, die erst nach Auslaufen des Kinderbetreuungsgeldes fällig werden. Martin Halla hat die Auswirkung dieser Maßnahme auf das Gesundheitssystem untersucht: Die erhoffte Wirkung dieser Maßnahme ist, dass langfristige Gesundheitskosten im Bundesland fallen müssten, wenn Eltern ihre Kinder zu im Mutter-Kind-Pass vorgeschriebenen Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen bringen – weil mögliche Krankheiten frühzeitig erkannt werden und Impfungen vor anderen Infektionen schützen. „Wir sehen, dass die Kosten kurzfristig stark gestiegen sind, weil teilnehmende Kinder auch vermehrt zu Folgeuntersuchungen überwiesen wurden. Langfristig sind die Kosten allerdings nicht nennenswert gesunken, nur bei sozial schwachen Familien war das so.“ Der Ökonom rät zu einer Reform der Maßnahme: Sie soll nur noch sozial schwachen Familien angeboten werden, weil sie nur dort spürbar wirkt.

In einem laufenden Projekt widmet sich der Ökonom dem Arbeitsangebot von Großmüttern und -vätern – konkret: Hat es Auswirkungen auf die Arbeitstätigkeit von Menschen, wenn ihre eigenen Kinder Eltern und sie damit Großeltern werden? „Es gibt relativ viele Untersuchungen zum Arbeitsangebot von Eltern, insbesondere von Müttern – sie schrauben ihre Arbeitstätigkeit oft zurück, das hat ganz unterschiedliche Gründe und das Betreuungsangebot ist einer der zentralen Gründe. Wir sehen nun in unserer laufenden Forschungsarbeit, dass die Geburt von Enkeln ebenfalls einen Einfluss auf das Arbeitsangebot besonders von Großmüttern hat“, erklärt Martin Halla. Die Entscheidung, doch früher in Pension zu gehen, hängt etwa damit zusammen, und auch Großmütter gehen häufiger in Teilzeit, wenn Enkelkinder da sind. „Wir sind gerade dabei, das auszuwerten und genauer zu erheben, aber es sieht so aus, als hätte die Geburt des jeweils ersten Enkelkinds einen größeren Einfluss auf das Arbeitsangebot als die Geburt weiterer Enkelkinder – ähnlich, wie es sich auch bei Müttern und Vätern verhält.“ In weiteren Projekten befasst sich der Ökonom unter anderem mit der Effektivität von Gesundenuntersuchungen, den Folgen von Arbeitsmigration auf das Wahlverhalten oder oder den Effekten von Obsorgeregelungen nach einer Scheidung auf die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen.

Zur Person

Martin Halla, geboren 1980 in Linz, studierte Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Nach seiner Promotion im Jahr 2007 war er als Gastwissenschaftler am Institute for International Economic Studies der Universität Stockholm und am Center for Labor Economics der University of California, Berkeley tätig. Im Anschluss arbeitete er am Institut für Volkswirtschaftslehre (Abteilung für Arbeitsmarktökonomie) der Universität Linz, zunächst als Assistenzprofessor und nach dem Abschluss seiner Habilitation als assoziierter Professor. Weiters verbrachte er ein Semester als Vertretungsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien (Institut für Finanzwissenschaft). Seit Herbst 2014 ist er Professor in Innsbruck. „Aus meiner Zeit in Linz kenne ich die Universität Innsbruck bereits von Kooperationsprojekten mit Kollegen hier; ich habe die Stadt und die Universität damals schon als attraktiv wahrgenommen und freue mich, hier zu sein“, sagt der Ökonom.