Ein fast vergessener Entdecker

Vierzehn Jahre, von 1918 bis 1932, war Carl Friedrich Lehmann-Haupt Professor für Alte Geschichte in Innsbruck. Nach seinem Tod 1938 geriet er nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft außerhalb von Fachkreisen beinahe in Vergessenheit. Eine Vortragsreihe gedenkt dieses Jahr seines Werks und seiner Person.
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Die Burg im türkischen Van, bei der Lehmann-Haupt nach Spuren der Urartäer gesucht hat und fündig wurde. (Foto: Christian Koehn/Wikimedia Commons)

„Carl Friedrich Lehmann-Haupt war eine herausragende Forscherpersönlichkeit, über die wir erstaunlich wenig wissen“, sagt Prof. Robert Rollinger, Leiter des Instituts für Alte Geschichte und Altorientalistik. Carl Friedrich Lehmann-Haupt war bereits 57 Jahre alt, als er 1918 den Ruf nach Innsbruck annahm; er konnte eine breite Palette an Fachpublikationen vorweisen, darunter etwa Arbeiten zu historischen Maßen und Gewichten sowie zu interkulturellen Kontakten des ostmediterranen Raumes. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Einträge der Realenzyklopädie der Altertumswissenschaften. Als bedeutendster Forschungsbeitrag Lehmann-Haupts gilt heute aber die Publikation der Denkmäler und Inschriften der Urartäer, die einer Expedition in das heutige Ostanatolien am Ende des 19. Jahrhunderts folgte. „Das urartäische Reich, wie wir es heute nennen, lag im ersten vorchristlichen Jahrtausend im Grenzbereich der heutigen Staaten Türkei, Armenien und Iran“, erklärt Robert Rollinger. Anlässlich des 95. Jahrestags von Lehmann-Haupts Ruf nach Innsbruck und seines 75. Todestages 2013 organisiert das Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik (Prof. Robert Rollinger, Dr. Sebastian Fink), das Institut für Zeitgeschichte (Prof. Klaus Eisterer, Prof. Dirk Rupnow) sowie die Hammer-Purgstall-Gesellschaft eine Vortragsreihe, die sich mit Leben und Werk des Altertumswissenschaftlers befasst.

Urartäisches Reich

Urartu war im 1. Jahrtausend vor Christus eine Großmacht im heutigen Ostanatolien, geriet danach aber weitgehend in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert widmeten sich Forscher, basierend auf antiken Quellen, wieder diesem Königreich. Bereits vor Lehmann-Haupt waren Expeditionen nach Armenien mit dem Ziel der genaueren Erforschung Urartus unternommen worden. Besonders bei der Entzifferung der bis dahin vollkommen unbekannten Sprache konnte allerdings kein Durchbruch erzielt werden. Den sollte erst eine Expedition von Carl Friedrich Lehmann-Haupt und seinem Forschungspartner Waldemar Belck zwischen 1898 und 1900 bringen: Sie entdecken die Hauptstätten des Reiches, ihre Funde verdoppelten das Material an Primärquellen schlagartig. Lehmann-Haupt war damals an der Berliner Universität (heute: Humboldt-Universität) tätig. Er verbrachte die folgenden Jahre mit der genaueren Erforschung von Abklatschen und Fotografien der neu entdeckten Inschriften; schließlich gelang es ihm, die urartäische Sprache für die Forschung zu erschließen.

Interdisziplinärer Denker

„Lehmann-Haupt ist auch als Altertumswissenschaftler im breitesten Sinn hervorzuheben: Er hat die Alte Geschichte und die Altorientalistik wunderbar verbunden und machte sich auch nicht den sonst sehr verbreiteten engen Blick nur auf das alte Griechenland und Rom zu eigen“, sagt Dr. Sebastian Fink, der die geplante Vortragsreihe mitorganisiert. Der 1861 in Hamburg geborene Lehmann-Haupt – Haupt ist der Nachname seiner Ehefrau, den er nach der Heirat seinem eigenen anfügte – wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf, sein Vater war Journalist und Übersetzer Charles Dickens’ ins Deutsche, zwei Onkel waren angesehene Porträtmaler in Frankreich und Großbritannien. Im Zusammenhang mit seiner Urartu-Forschung widmete sich Lehmann-Haupt auch dem armenischen Volk; Urartu begriff er als ersten armenischen Staat. Zu dieser Frage publizierte der Wissenschaftler zwei Bände „Armenien einst und jetzt“, in der er seine Forschungsexpedition schilderte und auch Partei für die schon vor dem Ersten Weltkrieg durch die Osmanen unterdrückten Armenier ergriff. „In der armenischen Community ist er als Kämpfer für die Rechte der Armenier auch heute noch ein Begriff“, erklärt Sebastian Fink.

Bekanntheit hat Lehmann-Haupt auch als Gründer und erster Herausgeber der „Klio“ erlangt, einer altertumswissenschaftlichen Fachzeitschrift, die auch heute noch über ein großes Renommee verfügt. 1911 wurde Lehmann-Haupt als „Gladstone Professor of Greek“ an die Universität Liverpool berufen – diesen Posten verließ der überzeugte Deutschnationale allerdings bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs fast fluchtartig und kehrte nach Deutschland zurück, wo er sich freiwillig zum Militärdienst meldete und sich auch als Publizist politisch deutschnational betätigte. 1915 wurde er schließlich an die Universität Konstantinopel berufen. Sein Dienstvertrag enthielt eine Bestimmung, nach der alle öffentlichen Äußerungen zur internen Verfasstheit des Osmanischen Reiches einer behördlichen Zensur unterlagen – was ihn nicht zuletzt dazu nötigte, aus dem zweiten Band seines Armenienwerks alle Äußerung zur bedrängten Lage der Armenier zu streichen.

Ruf nach Innsbruck

Carl Friedrich Lehmann-Haupt

Carl Friedrich Lehmann-Haupt


Wenige Wochen vor Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde Lehmann-Haupt 1918 an die Universität Innsbruck berufen. „In Innsbruck setzte er seine Forschung zum historischen Armenien, zur Bedeutung des Alten Orients für die Alte Geschichte und Kulturkontakte antiker Reiche fort“, sagt Robert Rollinger. Fünf Studierende haben bei Carl Friedrich Lehmann-Haupt in Innsbruck promoviert. Mit 1. Oktober 1932 wurde Lehmann-Haupt in den Ruhestand versetzt, bis 1936 hielt er allerdings noch Vorlesungen in Innsbruck. Den Anschluss Österreichs an Deutschland begrüßte der deutschnationale Wissenschaftler, aufgrund seiner jüdischen Abstammung sah er sich allerdings bald Repressionen ausgesetzt. „Der Umgang des Regimes mit ihm muss ihn auch persönlich zutiefst erschüttert haben, hat er doch felsenfest an die moralische Überlegenheit Deutschlands geglaubt“, beschreibt Robert Rollinger. Am 24. Juli 1938 erlag Lehmann-Haupt einem Herzleiden, seine Frau folgte ihm wenige Monate später, nach den Novemberpogromen 1938, freiwillig in den Tod. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung gab es kein offizielles Gedenken an den Forscher; nicht einmal in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Klio“, die ab 1936 von seinem Nachfolger Franz Miltner herausgegeben wurde, erschien ein Nachruf.

Um den Menschen Carl Friedrich Lehmann-Haupt und seine Verdienste wieder in Erinnerung zu rufen, findet dieses Jahr bis Januar 2014 eine Vortragsreihe in Innsbruck statt. Den ersten Vortrag wird am 19. März Christopher Lehmann-Haupt, ehemaliger Mitarbeiter der New York Times und derzeit Autor und Professor für Journalismus an der Columbia University in New York, um 19:30 Uhr im Archäologischen Museum im Hauptgebäude über seinen Großvater halten („C.F. Lehmann-Haupt and the Lehmann family secret“). Der zweite Vortrag folgt am 16. April von Prof. Stefan Kroll zum Thema „Erste Archäologische Forschungen in Urartu durch Carl Friedrich Lehmann-Haupt“ um 18:00 Uhr am gleichen Ort.

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(sh)