Das Innsbrucker Gebärhaus

Die Geschichte des Innsbrucker Gebärhauses wurde bisher kaum umfassend beleuchtet. Der Innsbrucker Historikerin Marina Hilber gelang es mit ihrer Arbeit, eine erste homogene Entwicklungsgeschichte der Tiroler Gebäranstalten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert darzulegen.
Die Landesgebäranstalt in Wilten bei Innsbruck, Ansichtskarte 1909, Stadtarchiv Innsb …
Die Landesgebäranstalt in Wilten bei Innsbruck, Ansichtskarte 1909, Stadtarchiv Innsbruck, PH 7064.

Der Begriff des Gebärhauses ist – historisch betrachtet – negativ konnotiert. Die soziale Stigmatisierung, der eine Frau bei der Geburt eines unehelichen Kindes ausgesetzt war, war im 19. sowie im beginnenden 20. Jahrhundert immens groß. Es ist vor allem die Verbindung der hohen Sterblichkeitsrate von Mutter und Kind aufgrund der Hygienesituation im Gebärhaus, die sich in den Köpfen tradiert hat. In Innsbruck war das Gebärhaus zuerst im Stadtspital untergebracht. Dieses Gebäude war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark heruntergekommen. Für viele war es sicherlich schwer denkbar, ihr Kind in einem derartigen Umfeld, in dem Kranke, teilweise unheilbar Kranke und Schwangere ihren Weg kreuzten, auf die Welt zu bringen. „Für die ledigen Frauen war es sehr schwierig, einen sicheren Platz für die Geburt zu finden. Es handelte sich dabei größtenteils um Dienstmägde, deren Schwangerschaft geheim bleiben musste, da die Dienstherren das Recht hatten, die Dienstmagd bei Feststellen einer Schwangerschaft zu kündigen. Die Frauen fanden im Gebärhaus einen relativ sicheren Unterschlupf für die Geburt“, erklärt Marina Hilber. Das Gebärhaus war demnach die erste Anlaufstelle für Frauen, die ein uneheliches Kind erwarteten, besonders auch deshalb, weil es bis 1881 mit einem Findelhaus verbunden war, womit die staatliche Weiterversorgung der Kinder gewährleistet war. „Die Kinder sind dort nicht wie in einem Waisenhaus geblieben, sondern zumeist an Pflegefamilien weitergegeben worden. Für die Mütter stellte dies wohl zum größten Teil eine Erleichterung dar, weil das Leben mit dem Kind nicht vorstellbar und aus ökonomischen Gründen auch nicht machbar gewesen wäre“, so die Historikerin. Auf den ersten Blick scheint das Gebärhaus eine überaus fürsorgliche Institution gewesen zu sein, die den Frauen und Kindern Unterschlupf bot und sie in ihrem Vorgehen unterstützte. Ganz nüchtern betrachtet war dies aber lediglich der sekundäre Nutzen der Einrichtung. „Das Gebärhaus war nicht nur diese ‚wohltätige’ Institution, um ledigen Müttern einen Aufenthaltsort für die Geburt zu geben, sondern in erster Linie ein Ausbildungszentrum für Hebammenschülerinnen, Wundärzte und ab 1869/70 auch für Mediziner. Sie alle erhielten dort ihre praktische geburtshilfliche Ausbildung und erlernten die Untersuchungsmethoden. Wie führt man eine normale bzw. schwere Geburt durch? Wie werden die Instrumente, zum Beispiel die Geburtszange, angewendet? Das war der eigentliche Zweck dieser Institution.“

Wandel im Klientel

Das Innsbrucker Gebärhaus hat sich durchaus von anderen Gebärhäusern unterschieden und zwar dadurch, dass in Innsbruck um die Jahrhundertwende ein Wandel im Klientel zu erkennen ist. „In den Aufnahme- und Geburtenbüchern, in denen jede Frau verzeichnet wurde, die in dieses Gebärhaus aufgenommen wurde, hat sich gezeigt, dass diese Institution um die Jahrhundertwende nicht nur ledige Frauen, sondern vermehrt verheiratete Frauen genutzt haben. Dies ist bisher in keinem anderen österreichischen Gebärhaus beobachtet worden“, stellt Hilber fest. Den Wandel in der Ausrichtung führt Hilber auf die Schließung des Findelhauses im Jahr 1881 zurück. „Man befürchtete daraufhin einen Rückgang der Aufnahmezahlen, da die Versorgung der Kinder nicht mehr gegeben war. Daher nahm man eine Veränderung der Statuten vor, sodass auch verheiratete Frauen aufgenommen werden konnten. Die Tatsache, dass dies so gut angenommen wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass sich die Stadt Innsbruck in einer starken Wachstumsphase befand, vor allem was die Arbeiterschicht anbelangt. Die Frauen wohnten oft in prekären Verhältnissen, weshalb sie das Gebärhaus ihren kleinen Wohnungen vorzogen. Die Situation im Gebärhaus war trotz Stigmatisierung besser für die Frauen, als zuhause.“ Im Jahr 1924 wurde das Gebärhaus geschlossen, zu dieser Zeit waren wesentlich mehr verheiratete Frauen Patientinnen als unverheiratete.

Mündigkeit der Frauen

Die Aufarbeitung der Debatte um die Geschichte der Gebärhäuser hat unter einem feministisch orientierten Blickwinkel um 1970 begonnen. Dabei standen vor allem die Hierarchien der Ärzte und Hebammen sowie die Kontrolle über den weiblichen Körper im Vordergrund. Die Gebärhäuser als Institutionen sind erst später in das Forschungsinteresse gerückt. In den meisten Studien ist die Rede von der Ausbeutung der Frauen durch die Institution. „Dies traf sicher zu einem gewissen Teil zu, aber viele der Frauen haben sich diese Entscheidung in ein Gebärhaus zu gehen, gut überlegt und bewusst getroffen. Es ist nicht alles so schwarz-weiß zu sehen“, so Hilber. Bei einer Aufarbeitung der Debatte darf man die Mündigkeit der Frauen, die in der sonstigen Literatur eher ausgeschlossen wird, nicht übersehen. „Es war für viele Frauen eine unsagbar schwierige Situation, unehelich schwanger zu sein, in ein Gebärhaus gehen und das Kind abgeben zu müssen. Andererseits gab es aber auch einige Frauen, die das Gebärhaus ganz bewusst als Auffangstation für sich und das Kind genutzt haben. Das geht deutlich aus den Berichten der Frauen hervor“, konstatiert die Nachwuchswissenschaftlerin und erwähnt eine konkrete Konfliktsituation um Ludwig Kleinwächter, Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie, der nicht besonders feinfühlig mit den Frauen umgegangen ist und es daraufhin massive Kritik seitens der Frauen gegeben hat. „Das erwartet man nicht, da eine uneheliche Frau keine Stimme hatte. Die Frauen haben aber ganz vehement gegen diesen Professor agiert. Auch der Gebärhausleiter stand ihnen zur Seite. Diese Aktion hat so starke Wellen geschlagen, sodass dieser Konflikt bis zum Land vorgedrungen ist und der Professor – wahrscheinlich nicht nur aufgrund dieser Vorfälle – entlassen wurde. Dies ist ganz bezeichnend und spricht dafür, dass Frauen eine Stimme und somit Macht besaßen.“

Zur Person

Marina Hilber studierte Geschichte und Anglistik/Amerikanistik auf Lehramt sowie Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Bereits in ihrer Diplomarbeit arbeitete sie zu einem medizinhistorischen Thema „Gesundheit, Krankeit und die Entwicklung der medizinischen Versorgung in der Pfarre Matrei am Brenner“. Im Jahr 2008 erhielt sie den Theodor-Körner Preis 2008 zur Förderung von Wissenschaft und Kunst. Ihre Dissertation verfasste sie zum Titel „Das Innsbrucker Gebärhaus: soziale und gesellschaftspolitische Dimensionen einer medizinischen Institution (1816-1924)“, die 2012 unter dem Titel “Institutionalisierte Geburt. Eine Mikrogeschichte des Gebärhauses” im transcript Verlag veröffentlicht wurde. Im Dezember letzten Jahres wurde der Nachwuchswissenschaftlerin für ihr Projekt „Professionalisierung wider Willen? Geschichte der Hebammenausbildung in Tirol (18.-20. Jahrhundert)“ eine Förderung des Tiroler Wissenschaftsfonds verliehen.

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(nh)