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Am Talende der Azatschlucht ganz im Osten der armenischen Provinz Kotaykh, wo die umgebenden Berghänge sanfter und bewaldeter werden, haben Menschen schon vor vielen Jahren in das weiche vulkanische Gestein Höhlen geschlagen. In der Nähe des klaren Wassers des Azat und der kühlen Bäume haben schon in vorchristlicher Zeit Armenier einen Quellenkult in den umliegenden Höhlen betrieben. Erst mit der fortschreitenden Christianisierung hat man hier an der bekannten heidnischen Kultstätten vermutlich zu Beginn des vierten Jahrhunderts ein Kloster unter dem Namen Ajrivankh, also Höhlenkloster, gegründet. Die Legende weiß, dass es der heilige Grigor der Erleuchter selbst war, der versucht hat, die Spuren heidnischen Kultes durch diesen Kirchenbau zu verwischen. Mündliche Überlieferungen, Chronisten und Ausgrabungen bestätigen, dass sich die Ursprünge dieses bekannten Wallfahrtsortes unmittelbar in den Felsen befunden haben. Von einem Kloster zu berichten wussten auch die Chronisten des 8. Jahrhunderts und des 10. Jahrhunderts, das von den Arabern geplündert und brandgeschatzt worden ist. Aus dem 10. Jahrhundert ist auch überliefert, dass der exilierte Katholikos Hovhannes hier in Ayrivankh Asyl gefunden hatte.
Eine Chronik aus der Mitte des 12. Jahrhunderts greift auch erstmals die Legende von Geghard auf, der Lanze, die der Apostel Thaddäus angeblich nach Armenien gebracht haben soll und die als wertvolle Reliquie hier im Höhlenkloster versteckt worden sein soll. Diese Überlieferung wurde weiter getragen, obwohl die historischen Dokumente gegen die Anwesenheit des Apostels in Armenien sprechen. Und wie es mit Reliquien häufig geschieht, gibt es dieselbe berühmte Lanzenspitze auch mehrmals in christlichen Klöstern des Nahen Ostens. Diese sagenumwobene Lanzenspitze, die Jesu getötet hat, ist heute übrigens im Museum von Edschmiatsin zu sehen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als das Kloster in den Besitz der Zakharjan überging, wurde die Hauptkirche errichtet, wie auch den vielen Inschriften in der Kirche zu lesen ist. In den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts ging das Kloster in den Besitz der Adelsfamilie der Proschjan über, die hier vor allem eine Begräbnisstätte errichten wollten. Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts vollzog sich vermutlich auch der Namenswechsel von Ajrivankh zu Geghard. Obwohl das Kloster bereits 1679 durch ein Erdbeben schwer beschädigt worden war, setzten die Restaurierungsarbeiten erst 300 Jahre später ein.
Der Klosterkomplex besteht aus einer ganzen Reihe von Gebäuden. Der älteste Teil des Klosters liegt im Westen der Anlage, außerhalb des ursprünglichen Komplexes und ist dem Heiligen Grigor, früher der Muttergottes, geweiht. Wie ein steinerner mit unzähligen Kreuzsteinen befestigter Adlerhorst ist die Kirche in den Felsen unmittelbar nördlich des Hauptportals gesetzt. Sie liegt zum Teil im natürlichen Felsen und war vor der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts noch als Saalkirche mit hufeisenförmiger Apsis konzipiert.
Das zentrale Bauwerk ist die Muttergotteskirche oder auch Kathoghike. Sie ist eine der typischen Kreuzkuppelkirchen mit vier kleinen EckkapellenDie gesamte Außenfassade, aber auch die Kuppel innen ist reich verziert. Die Fenster sind mit kleinen Bögen betont, die Nischen sind muschelförmig. Von außergewöhnlicher Schönheit ist die Südfront. Hoch oben, über dem Südfenster, reißt ein Löwe gerade einen Stier - das Familienwappen der Zakharjan. Darunter, in einem mehrfach gefassten Portal, treffen besonders feine geometrische Muster in der rechteckigen und rundbogigen Umfassung mit dem üppigen Tympanonfeld armenischer Früchte ab. Die Granatäpfel sehen wie zum Pflücken aus und beim Anblick der prallen Beeren der Weintraube läuft einem beinahe das Wasser im Munde zusammen. Zwei große Vögel flankieren den Rundbogen. Dieses Portal zählt sicherlich zu den schönsten Armeniens.
Auch das Innere der Kuppel und des Tambours zieren Granatäpfel, die sich dem Licht und damit der Sonne entgegenstrecken. Das der Hauptkirche 1225 angebaute Gavith übertrifft diese bei weitem an Größe und Innengestaltung. Der Nordwesten des Gavith hat auch eine direkte Verbindung mit jener Kirche, die immer als erste Felskirche zitiert wird. Sie ist vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf einem beinahe quadratischen Grundriss mit eingeschriebenem Kreuz entstanden. Seltsamerweise ist sie nicht gleich geostet wie die Hauptkirche, sondern dreht sich mit ihrer Apsis etwas nach Norden. Das kann aber auch durch die geologische Gestaltung des Felsens verursacht worden sein. An der Ostfassade in der Nähe des Gewölbes, am Rande der Lichtöffnung, ist auch der Name des zuständigen Architekten Gaghtsag eingemeißelt. In dieser ersten Felskirche ist auch das sogenannte Avazan, das Wasserbecken, im dem das Wasser der heiligen und wundertätigen Quelle entspringt und gesammelt wird. Noch heute wird dieses Wasser von zahlreichen Pilgern getrunken. Die zweite Felskirche und ihr Gavith wurden 1283 gebaut und sind über die Nordwestseite des großen Gavith zu begehen. Auch diese beiden Felsgebäude sind etwas nach Norden gedreht. Diese beiden Gebäude waren gänzlich als Grabstätten der Proschjan bestimmt, deren Gräber sich in den steinernen Boden des Gavith eingelassen befinden. Das Familienwappen ist auf der Nordwand über den Bögen überdimensional dargestellt: zwei angekettete Löwen und in der Mitte ein Adler mit halb geöffneten Schwingen, der ein Kalb hält. Im fahlen Licht, das wie durch ein Wunder durch den dichten Fels dringt, erscheinen die Reliefs an der Ostwand, dem Übergang zur Felskirche, besonders plastisch. Zwei Figuren, mit kindlich naiven Gesichtszügen, doch vermutlich Aposteln, zieren das Portal.
Ein großes Kreuz und eine ganze Ansammlung von Rosetten lässt die Frage zu, wie in diesem spärlichen Licht, in dieser feucht-modrigen Luft einer Begräbnisstätte und der kühlen Eingeschlossenheit der Steinmetz hier mit seinem Hammer an den Felsen geschlagen hat. Jeder Hammerschlag, jedes Ritzen, jedes Schleifen muss an den Felswänden abgeglitten und mehrfach wiederholt worden sein. Gespenstisch. Angst einflößend. Noch tiefer im Felsen liegt die zweite Felskirche mit einem mehreckigen Hauptraum und einer hufeisenförmigen Apsis mit zwei Eckräumen. Das Bema mit dem groben, doch um so eindrucksvolleren, weil so unsagbar glatt wirkenden Reliefs kann über steinerne Treppen betreten werden. Ein etwa zehn Meter langer und etwa zwei Meter breiter Korridor, in den man durch eine Treppe an der Westseite des Komplexes gelangt, führt in das große oder obere Gavith der Proschjan. Dieses große quadratische Gavith mit vier Freipfeilern und einer kleinen Kuppel mit Lichtöffnung ließ der Prinz Prosch im Jahre 1288 für seine Frau als Gruft errichten. Alle Wände sind mit großen Kreuzsteinen bedeckt, zahlreiche Inschriften erzählen über die hier bestatteten Mitglieder dieser Fürstenfamilie. Verschiedene profane Gebäude wurden an der Ostseite der Befestigungsmauer, an einem natürlichen Felsen errichtet. Von ihnen führt eine Steintreppe vorbei an wunderschönen Kreuzsteinen hinauf zu einer Gruppe von kleinen Felskapellen. Die schönsten Kreuzsteine des Klosters wurden vor dem Portal der Kathoghike und in deren Gavith aufgestellt. Ein bemerkenswertes Meisterwerk des frühen 13. Jahrhunderts ist der große Kreuzstein mit äußerst feingliedrigem, fast zerbrechlich wirkenden Ranken- und Sternornamenten sowie den figürlichen Darstellungen des thronenden Jesu und des Täufers im oberen Feld.
Viele Höhlen und Verstecke befinden sich in der ganzen Umgebung des Klosters, einige davon sind schon seit Jahrhunderten nicht mehr betreten worden. Doch das Kloster Geghard hat eigentlich nie wirklich geruht, von der Zeit des heidnischen Quellkultes im Felsen, bis hin zu den legendären Gebäuden des Heiligen Grigor, über die Grabkirchen bedeutender Adelsfamilien zu den fleißigen Historikern und Kopisten, die in den Schreibschulen des Klosters Jahrhunderte hindurch ihr Wissen in wunderbar illuminierten Handschriften festgehalten haben.
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