Kurt Habitzel: Der historische Roman der DDR und die Zensur. Travellers in Time and Space. Reisende durch Zeit und Raum. The German Historical Novel / Der deutschsprachige historische Roman. Hrsg. von Osman Durrani and Julian Preece. Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Bd. 51. Amsterdam: Rudopi 2001, S. 401-421.
"Sind historische Romane noch möglich?", diese Frage stellte Frank Thiess seinen Schriftstellerkollegen im Jahre 1958.[1] Während in der BRD und in Österreich die Antwort weitgehend mit "Nein" beantwortet wurde und der Geschichtsroman in eine Krise gerät, die bis zum Ende der 70er Jahre anhält, erfreute sich das Genre in der DDR sowohl bei den Autoren als auch beim Publikum großer Beliebtheit. In einer von mir durchgeführten Untersuchung konnten über 400 historische Romane aus der DDR nachgewiesen werden, eine beträchtliche Anzahl, wenn man dies in Relation zum kleinen Buchmarkt der DDR setzt.

Schon von Beginn an wurde auf das Genre von offizieller Seite her Einfluß genommen, der sich auch in der Gesamtproduktion sichtbar niederschlägt. Seinen Aufschwung nimmt die Gattung in Folge der kulturpolitischen Weichenstellungen des 3. Parteitags (1950) und der 2. Parteikonferenz (1952), in eine Krise gerät sie im Umfeld der Bitterfelder Konferenz von 1951.
Auf das Genre als ganzes nahm aber nicht nur die Partei mit ihren richtungsweisenden Aktionen und Kampagnen Einfluß, das Entstehen jedes einzelnen historischen Romans war in der DDR von einer Vielzahl von Hebeln determiniert, deren wirksamster die Zensur war.
Schon im August 1951 wird bei der Regierung der DDR das "Amt für Literatur und Verlagswesen" geschaffen, dessen Aufgaben ab 26. Juni 1956 vollständig von der Hauptverwaltung "Verlage und Buchhandel" beim Ministerium für Kultur übernommen werden.
Im § 2 der "Verordnung über die Entwicklung fortschrittlicher Literatur" (16. August 1951) wird dem Amt und damit auch der späteren Ministeriumsabteilung eine weitgehende Kontrolle des Literaturbetriebs eingeräumt. Zwei Bestimmungen (§ 2 b und § 2 e) haben hierbei eine zentrale Bedeutung: Die Zuteilung des Papierkontingents an die Verlage erfolgte "entsprechend den vom Amt für Literatur und Verlagswesen genehmigten Verlagsplänen".[2] Zudem mußte jedes einzelne Buch dem Amt zur Begutachtung vorgelegt werden. Begründet wurden diese Maßnahmen mit der Absicht, die "Qualität der Literatur" heben zu wollen.[3]
Gutachten wurden aber nicht nur über den literarischen und selbstverständlich auch politischen Gehalt eines Buches eingeholt, sondern es wurden - wenn nötig - auch externe Fachgutachten angefordert. Im Fall des historischen Romans bedeutete dies, daß zumeist auch Historiker zur Begutachtung hinzugezogen wurden. So durchlief ein Buches eine Vielzahl kontrollierender Instanzen, angefangen von den betreuenden Lektoren über die Verlagsleiter, die Außengutachter und zuletzt die Zensurbehörde, zu der noch die Überwachung durch die SED-Kulturfunktionäre hinzukam (Ursula Ragwitz, Kurt Hager). Für die literarischen Werke bedeutete dieser Weg einen "Prozeß des Abschleifens"[4], der durch die Selbstzensur noch vervollständigt wurde.
Motiviert wurde diese Selbstzensur zum einen durch einen vorauseilenden Gehorsam, zum anderen aber auch aus der Angst vor "Streichungen, Druckverboten, Gefängnisaufenthalten oder Vertreibungen"[5]. Daß diese "Schere im Kopf" auch bei regimekritischen Autoren ihre Wirkung zeigt und daß das erfolgreiche Ankämpfen gegen die Selbstzensur zu Gegenreaktionen von Seiten der Obrigkeit führt, kann etwa der Autor Joachim Walther aus eigener Erfahrung bezeugen:
"[...] die Zensur war allgegenwärtig in dem Sinne, daß sie (bei mir) zuerst schleichend wirkte als Selbstdisziplinierung oder eben als Selbstzensur, dann, nachdem ich dies reflektieren konnte und dagegen anschrieb, als Eingriffe in die Manuskripte seitens der Vorzensur in den Verlagen oder aber der Endzensur der HV für Verlage und Buchhandel [...]."[6]
1. Die Arbeitsweise der HV " Verlage und Buchhandel"
Der nun folgende Teil basiert hauptsächlich auf den Akten des Ministeriums für Kultur (MfK), die von mir zum Teil in Berlin im Bundesarchiv eingesehen werden konnten. Allgemeine Aussagen zu der Entwicklungsgeschichte der Zensur können daraus aber nur bedingt gezogen werden.[7] Zum einen sind die von mir aufgearbeiteten Akten nicht repräsentativ, da sie nur jene Druckgenehmigungsverfahren betrafen, die positiv erledigt wurden. Konkret an einem Beispiel erläutert bedeutet dies, daß ich nur die Akte zur Druckgenehmigung von Heyms "Ahasver" aus dem Jahr 1987, nicht aber - falls es je zu einem Druckgenehmigungsverfahren kam - jene ablehnende Akten aus dem Jahr 1980 oder 1981 einsehen konnte. Zum anderen wurden die Akten der HV "Verlage und Buchhandel" in den "Wendezeiten von den dort Beschäftigten massiv bereinigt".[8] Auch muß darauf hingewiesen werden, daß diese Hauptverwaltung stark von übergeordneten Stellen gelenkt wurde und von Stasi-Mitarbeitern durchsetzt war, so daß die Erlaubnis zu Druckgenehmigungen gerade bei regimekritischen Autoren an anderer Stelle gefällt wurden. Verwiesen sei hier vor allem auf das von Joachim Walther herausgegebene Buch "Sicherungsbereich Literatur"[9], das sich ausführlich mit dem Einfluß der Stasi auf den Bereich Literatur auseinandersetzt.
Wie läuft nun das Druckgenehmigungsverfahren ab, wie sieht die dazugehörige Akte nun aus?
1. Jeder einzelne Akt umfaßt ein Formblatt, auf dem u.a. die beantragte Auflagenhöhe (zumeist 10 000 Exemplare oder mehr), der geplante Seitenumfang, der veranschlagte Papierbedarf, das Eingangsdatum und der Tag der Bewilligung verzeichnet sind. Kurze amtliche Bemerkungen zu den Gutachten finden sich zumeist ebenfalls auf diesem Formblatt, selten (und eher in Akten vor 1970) sind diese Notizen umfangreicher und daher auf einem eigenständigen Blatt verzeichnet. Vermerkt sind zudem auch der Eingangstag und Tag der Bewilligung.
Bearbeitungsdauer und Auflagenhöhe
von ausgewählten Beispielen
Kurztitel |
Beantragte Auflage |
HL. eingelangt |
Druckgenehmigung |
Bearbeitungszeit (Tage) |
Hans Lorbeer: Das Fegefeuer (1956) |
10 500 |
22.12.55 |
25.01.56 |
35 |
Hans Lorbeer: Der Widerruf (1959) |
10 000 |
01.08.58 |
01.12.58 |
123 |
Hans Lorbeer: Die Obrigkeit (1963) |
10 000 |
16.03.63 |
26.04.63 |
41 |
Heym: Papiere des Andreas Lenz (1963) |
20 000 |
17.06.63 |
23.07.63 |
37 |
Johannes Bobrowski: Levins Mühle (1964) |
20 000 |
19.11.63 |
03.01.64 |
45 |
Rosemarie Schuder: Der Gefesselte (1962) |
15 000 |
16.03.62 |
16.04.62 |
31 |
Rosemarie Schuder: Die zerschl. Madonna (1964) |
15 000 |
24.10.63 |
19.11.63 |
27 |
Rosemarie Schuder: Paracelsus (1972) |
25 000 |
25.04.72 |
28.04.72 |
4 |
Otto Gotsche: Mein Dorf (1973) |
30 000 |
05.09.73 |
05.10.73 |
30 |
Stefan Heym: König David Bericht (1973) |
12 000 |
27.04.73 |
02.05.73 |
6 |
Martin Stade: Der König und sein Narr (1975) |
12 000 |
22.08.74 |
28.08.74 |
7 |
Rosemarie Schuder: Agrippa (1977) |
30 000 |
17.09.76 |
01.11.76 |
46 |
Martin Stade: Der närrische Krieg (1981) |
10 000 |
06.11.80 |
01.12.80 |
26 |
Volker Ebersbach: Caroline (1987) |
15 000 |
04.11.86 |
||
Juliane Bobrowski: Ottilie Müntzer (1989) |
10 000 |
03.08.88 |
02.09.88 |
31 |
Stefan Heym: Ahasver (1988) |
20 000 |
09.11.87 |
23.11.87 |
25 |
Rolf Schneider: Levi (1989) |
10 000 |
05.08.88 |
19.08.88 |
15 |
Wenn man die in der Tabelle verzeichnete Bearbeitungszeit, die das Ministerium für Kultur für die Druckgenehmigung benötigte ansieht, dann wird offensichtlich, daß die eigentliche Entscheidung über das weitere Schicksal eines Manuskripts bereits im Vorfeld gefallen sein muß. Bei einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von ein bis zwei Monaten war für Zensureingriffe durch "höhere" politische Stellen wohl kaum mehr Zeit.
Interessant erscheint auch die unterschiedlich beantragte Auflagenhöhe, die zwischen 10 000 (Regimekritiker Stade) und 30 000 (SED-Funktionär Gotsche[10]) schwankt. Die Papierkontingentierung war somit ein wirksames Mittel, die Verbreitung von Literatur zu steuern. Heyms 1973 endlich zugelassener "König David Bericht" wird mit einer Erstauflage von 12 000 Exemplaren gestartet und für seinen "Ahasver" wird eine Auflagenhöhe von gerade nur 10 000 Stück beantragt, was aber aufgrund der Liberalisierung des Literaturbetriebs später handschriftlich auf 20 000 ausgebessert wird.[11]
2. Wichtigster Teil der Druckgenehmigungsverfahren sind die zusammen mit dem Manuskript eingereichten Gutachten, wobei zumindest zwei beigelegt werden mußten. Eines wird von einem Mitarbeiter des Verlages, normalerweise dem Lektor oder in "Problemfällen" dem Verlagsdirektor, verfaßt - im folgenden als "Verlagsgutachten" bezeichnet - , zumindest ein weiteres wird von einem sogenannten "Außengutachter" beigefügt. Der richtigen Wahl des Außengutachters, der im Falle des historischen Romans auch ein Historiker sein konnte, kommt besonders in kritischen Fällen große Bedeutung zu. Manfred Jäger zeichnet in einem Aufsatz die Vorgangsweise der Verlage bei den Druckbewilligungsverfahren nach:
"Hatte ein Verlag sich entschlossen, ein Buch auch gegen Widerstände durchzusetzen, bat er Gutachter um Mitarbeit, die sich aller Voraussicht nach für das Buch einsetzen würden. Die fachliche Autorität und der bekannte Name waren dabei wichtiger als die Argumentation in der Sache. Die Gutachten dienten der Absicherung."[12]
So wurden bei den Druckgenehmigungsverfahren der nicht gerade zensurgefährdeten Texte von Rosemarie Schuder u.a. Wolfgang Joho (Paracelsus), Helga Herting (Agrippa) oder Günter Wirth (Die zerschlagene Madonna) mit "Außengutachten" betraut. Mit Günter Wirth als Gutachter trifft etwa ein hochrangiger Funktionär der Blockpartei CDU auf das literarische Aushängeschild der Unionspartei Rosemarie Schuder.
Die Gutachten sind zumeist ähnlich aufgebaut. Nach einer ausführlichen Inhaltsangabe wird die politische Aussage des Buches untersucht, werden etwaige Fehler oder Widersprüche aufgezeigt. Im Falle des historischen Romans interessiert die Gutachter zumeist die "wissenschaftlich korrekte" Schilderung der Gesellschaft und Zeitumstände ebenso wie die Frage, ob das Buch mit "eindeutiger Parteinahme für die positiven Kräfte dieser Zeit geschrieben"[13] ist. Im Falle von Rosemarie Schuders Kepler-Roman "In der Mühle des Teufels" hebt etwa der Gutachter Paul Friedländer die unausgeglichene Charakterisierung der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten hervor: "In der Individualisierung sind der Verfasserin die großen politischen Gestalten besser gelungen als die Bauern, die daneben etwas farblos erscheinen."[14]
Die wohlwollenden Gutachten enden zumeist mit der befürwortenden Formel: "Aus diesem Grunde bitten wir um Druckgenehmigung"[15].
Für den heutigen Leser werden die Akten besonders dann interessant, wenn sich die unterschiedlichen Gutachten widersprechen oder wenn die MfK-Mitarbeiter zu anderslautenden Ergebnissen kommen. In diesen Fällen wird die eigentliche Arbeit der beamteten Zensoren, die sich ansonsten mit Urteilen zurückhalten, sichtbar.
Die völlig konträren Ansichten von Günter Wirth und dem Außengutachter Peter Müller zu Schuders Michelangelo-Roman "Die zerschlagene Madonna" (1964) führen sogar zu einer Aussprache zwischen dem Zensurbeamten (Hoffmann) und den Vertretern von Rütten & Loening (Popp und Glatzer, der späteren Cheflektorin des "Aufbau-Verlages"). Müller vertritt in seiner Expertise die Meinung, daß Schuder die "ökonomischen und politischen Ursachen und Gesetzmäßigkeiten", die den Auseinandersetzungen der Renaissance-Zeit zugrunde liegen, nicht aufdecken konnte. Sein hartes Schlußurteil lautet daher:
"R. Schuder gelingt es aus diesen Gründen nicht, zum großen historischen Roman Feuchtwangers, H. Manns, usw. vorzustoßen und schon gar nicht zum historischen Roman des sozialistischen Realismus."[16]
Eine völlig andere Ansicht über diesen Roman äußert jedoch Günter Wirth in seinem euphorischen Gutachten. Der beamtete Zensor berichtet von seiner Aussprache mit den beiden Verlegern:
"Die Diskussion ergab sehr schnell Einmütigkeit darüber, daß Wirths Gutachten an bestimmten Stellen überschwenglich ist; daß der Roman und das Gesamtwerk Schuders zwar gängige Literatur ist, aber durchaus seine politischen und literarischen Schwächen hat."[17]
Ein interessantes Phänomen, das bei manchen Gutachten auftritt, ist das schlechte Gewissen des "Zensors". Um dies an einem Beispiel zeigen zu können, möchte ich auf ein negatives Gutachten von Prof. Heinz Kamnitzers zu Hans Lorbeers "Der Widerruf" verweisen. Anzumerken ist, daß Hans Lorbeer, der Verfasser einer Luther-Trilogie, ein hochrangiger SED-Funktionär war. Kamnitzer merkte an, daß Lorbeers Roman ein falsches Gesellschaftsbild schildere und beim Leser falsche politische Gedanken hervorrufen könnte. Am Ende seines vernichtenden Gutachtens nimmt er seinem negativen Urteil die Härte und meint, daß Hans Lorbeer den Luther-Stoff nicht bewältigt habe, "sondern von ihm überwältigt wurde". Den beamteten Zensoren berichtet er abschließend von seinen persönlichen Problemen beim Verfassen des Gutachtens.
"Es ist mir sehr, sehr schwer gefallen, ein so herbes Urteil niederzulegen, denn ich weiß, wieviel Jahre von Mühsal und Freude in einen solchen Roman eingegangen sind. Aber da man mich befragt hat, muß ich ehrlich antworten. Allerdings würde ich vorschlagen, dem Autor keine Abschrift meines Gutachtens zu übermitteln."[18]
In einem beigelegten Brief an das Ministerium für Kultur ersucht Kamnitzer ein weiteres Mal die Beamten, dem so hart kritisierten Autor den Inhalt des Gutachtens nicht mitzuteilen.
"Anbei mein Gutachten nach bestem Wissen und Gewissen. Ehrlich gesagt, ich hätte das Manuskript lieber gar nicht gesehen. Der Verfasser ist ein alter und verdienter Genosse und eine solche Kritik nach jahrelanger Arbeit mehr als eine bittere Pille für ihn."[19]
Aus einer Notiz im Druckgenehmigungsverfahren ist abzulesen, daß Prof. Kamnitzer sein Wunsch erfüllt wird: "Gen. Bressau wird dem Autor das Gutachten nicht zur Kenntnis geben."[20]
Autoren wie Otto Gotsche oder Hans Lorbeer, führende Mitglieder der Akademie der Künste und hochrangige SED-Funktionäre, mußten die Urteile der Gutachter anscheinend weniger fürchten als die Gutachter die Folgen ihrer eigenen Expertisen!
Naheliegenderweise anders ist die Funktion des Druckgenehmigungsverfahrens bei regimekritischen Autoren. Diese wußten, daß ihre Werke von den Zensoren sehr genau gelesen wurden. Daher beschritten relativ viele Autoren den Weg, die Romanhandlung in der Vergangenheit anzusiedeln, aber die DDR-Gegenwart zu meinen. Die das Buch positiv befördernden Verlagsgutachten hatten von diesem Umstand abzulenken und hoben daher "die Exaktheit der Darstellung", also den "korrekte[n] Umgang mit den Quellen" hervor"[21]
Dies kann man auch am Beispiel des Verlagsgutachtens von Joachim Walther zu Martin Stades "Der König und sein Narr" nachverfolgen. Zunächst weist Walther darauf hin, daß Stade "sehr fleißiges Quellenstudium betrieben" hätte.[22] Dann, ablenkend vom eigentlichen Thema des Romans, der das Verhältnis von Geist und Macht nachzeichnet und das Walther als "individuellen Konflikt" relativiert, betont der Verlagsgutachter, daß es Stade um "die gesellschaftliche Bedingtheit des Ganzen" gegangen sei.
"Hier wird kein makabres Einzelschicksal vorgeführt, sondern, historisch genau, der Kampf der Klassen in dieser Zeit."[23]
Was Stade durch die Verlegung der Romanhandlung in die Vergangenheit zu tarnen und sein Lektor Walther durch ein entsprechendes Gutachten zu verschleiern suchte, nämlich daß die DDR, das Verhältnis zwischen dem Intellektuellen und der autoritären Staatsmacht gemeint ist, dies wird aber sowohl von den westdeutschen Kritikern als auch von der ostdeutschen Staatsmacht erkannt. Der Roman scheint in der DDR "aus den Schaufenstern der Buchläden verbannt" worden zu sein, wie einer westdeutschen Zeitungsmeldung zu entnehmen ist.[24]
2. Der Fall Stefan Heym
Eines der prominentesten Opfer der DDR-Zensur war Stefan Heym, ein Umstand, der mittlerweile wieder in Vergessenheit geraten ist. Schon sein erster historischer Roman "Die Papiere des Andreas Lenz" stieß, wie noch gezeigt wird, bei den Gutachtern auf Ablehnung. Seine drei weiteren historischen Romane konnten nur mehr mit großer Verzögerung in der DDR erscheinen. Sein Roman über Ferdinand Lassalle wird von den Zensurbeamten als Kritik am "real existierenden Sozialismus" verstanden und nicht zum Druck zugelassen. Erst 1974, fünf Jahre nach der englischen und der westdeutschen Ausgabe kann das Buch stark überarbeitet[25] in der DDR erscheinen, wobei die ostdeutschen Kritiker auf das Buch durchwegs mit Ablehnung reagierten. Neue Deutsche Literatur-Kritiker Werner Neubert etwa ortet bei Heym eine "gewisse Äußerlichkeit des Autors zur realen Arbeiterbewegung und ihrer bewegten Geschichte".[26]
2.1 Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz" (1964)
In der DDR unbeanstandet erscheinen konnte noch Heyms erster historischer Roman "Die Papiere des Andreas Lenz" (1964).[27] Ein Blick auf die Gutachten zeigt jedoch, daß die Veröffentlichung des Romans umstritten war:
Der Antrag auf Druckgenehmigung umfaßt vier Gutachten. Zwei Expertisen, eines von dem Geschichtswissenschafter Dlubek und ein weiteres von P. Müller, glauben auffallende Mängel bei der Wiedergabe der historischen Fakten zu erkennen. Ein drittes Gutachten von Regine Otto, einer Lektorin des "List Verlags", kritisiert vor allem die Figurenkonstellation im Roman.[28] Das vierte Gutachten, das ebenfalls vom "Paul List Verlag" beigefügt wurde, versucht die möglichen Kanten des Buches schon im vorhinein zu kaschieren.
Der Historiker Dlubek weist in seinem Gutachten darauf hin, daß Heym zum einen manchen "heroischen Episoden" im Abwehrkampf der "badisch-pfälzischen Volksarmee gegen die Konterrevolution" mehr Platz hätte einräumen müssen.[29] Zum anderen hätte Stefan Heym die "Position der einzelnen Klassen im badischen Aufstand" nicht richtig beurteilt.
"So notwendig es ist, die Inkonsequenz des Kleinbürgertums zu enthüllen - was Heym sehr überzeugend gelingt - so darf doch dabei nicht in den Hintergrund treten: Die Schuld an der Niederlage trug die Bourgeoisie [...]. Auch kommen m(eines) E(erachtens) die revolutionären Potenzen der Bauernschaft nicht in vollem Ausmaß zum Ausdruck."[30]
Vom Bearbeiter des Aktes rot angestrichen und mit einem Rufzeichen versehen wird eine Anmerkung Dlubeks zu einer weiteren umstrittenen Aussage Heyms.
"Ich empfehle dringend, den Passus zu streichen, in dem darüber gesprochen wird, daß und warum der Bund der Kommunisten aufgelöst worden sei. Die These, Marx und Engels hätten im Frühsommer 1848 den Bund der Kommunisten aufgelöst, wurde von Boris Nikolajewski, einem üblen Antisowjethetzer, aufgestellt;"[31]
Von diesen Einzelfragen abgesehen, sei Heyms Roman - so Dlubek abschließend - ein "wertvoller Beitrag zur Formung des nationalen Geschichtsbildes"[32]. Ebenso wie Dlubek hebt Müller den positiven Gesamteindruck, den das Buch bei ihm hinterlassen hatte, hervor.[33] Aber auch Müllers Gutachten schränkt das ausgesprochene Lob ein. Vermutlich aus der weltpolitischen Situation des Jahres 1963 heraus wünscht Müller die 1849er Revolution nicht mit dem amerikanischen Bürgerkrieg verknüpft zu sehen. Der ganze Prolog solle "unbedingt" wegfallen. Störend findet der Gutachter auch den von Heym geschilderten plötzlich ausbrechenden Antisemitismus der unterlegenen Truppen.[34]
Den energischsten Widerspruch findet Heyms Roman aber dann, wenn er die beiden "Säulenheiligen" des Kommunismus, Karl Marx und Friedrich Engels, in seinem Roman auftreten läßt. Besonders die Charakterisierung der Romanfigur Engels erregt den Unmut der Experten. Dlubek etwa meint entsetzt:
"Friedrich Engels trägt nach Heym schon mit 28 Jahren eine Brille und blinzelt kurzsichtig, wenn er sie nicht aufhat. Ist das wirklich verbürgt? Und stottert er wirklich so häufig?"[35]
Auf eine weitere "Majestätsbeleidigung" wird im Gutachten von P. Müller hingewiesen:
"Bei der Charakterdarstellung von Engels kann sich Heym nicht enthalten, in unangemessener Weise die bekannten Frauengeschichte aufzutischen. Obwohl die 2. Fassung hier einiges korrigiert, wäre es doch wünschenswert, diese Passagen überhaupt zu streichen."[36]
Weniger Probleme sahen darin die zuständigen Zensurbeamten, wie aus einer handschriftlichen Notiz hervorgeht.
"Wir meinen, daß der Bedeutung und der Größe der Gestalt Friedrich Engels durch die Schilderung dieser Frauengestalten kein Abbruch getan wird."[37]
Der Roman erscheint in der DDR ungekürzt. Heym dürfte aber letzlich die Problematik eines stotternden, kurzsichtigen Frauenhelden Friedrich Engels selbst erkannt haben. Die erste westdeutsche Ausgabe (München: List 1965) erscheint stark gekürzt, die heute verbreitete Ausgabe des Frankfurter "Fischer Taschenbuch Verlags" weist weitere, auf der Münchner Ausgabe basierende Kürzungen und Kapitelumstellungen auf.[38] Zwar werden nicht alle "Engels-Problemstellen" in der Westausgabe beseitigt[39], die Person von Engels, die den BRD-Lesern vorgesetzt wird, scheint auf jeden Fall weniger "lasterhaft" und "gebrechlich".
2.2 Stefan Heym "Der König David Bericht" (1971-1973)
Die Erfahrungen mit der Zensur, die Heym bei den Themen aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung machen mußte[40], lassen den Autor in seinem dritten historischen Roman viel weiter in die Geschichte zurückgehen: Im "König David Bericht" greift Heym auf einen biblischen Stoff zurück.
Im Zentrum des Romans steht der Historiker Ethan, der von König Salomon beauftragt wird, den sogenannten "König David Bericht", eine affirmative Biographie über den biblischen König, zu verfassen. Ethan scheitert letztlich, trotz vielfacher Selbstzensur, an der an ihn gestellten Aufgabe. Eine Historikerkommission, die ihm beratend zur Seite gestellt wird, verwandelt sich zum Tribunal, das seine Arbeit und politische Einstellung beurteilt. Ethan versucht in seiner Verteidigungsrede seine Situation als der Wahrheit verpflichteter, aber für politische Zwecke mißbrauchter Wissenschaftler zu erklären:
"Wie meine Herren wohl wissen [...], schabte ich von den Tatsachen so manches ab, was zu schroff war und was übel roch, und was dem Auge des Königs mißfallen mochte. Aber man kann die Geschichte nicht gänzlich von den Tatsachen trennen und erwarten, glaubwürdig zu sein."[41]
Über Ethan, der weder seiner Verantwortung als exakter Wissenschaftler noch seiner Aufgabe als Staatsdiener gerecht werden konnte, wird schließlich ein "Salomonisches Urteil" gefällt. Der König verzichtet aus politischen Gründen auf eine Hinrichtung und beschließt über den Gelehrten eine allumfassende Zensur zu verhängen, Ethan solle "zu Tode geschwiegen werden".[42]
Daß Heym mit seiner im 8. Jahrhundert vor Christus angesiedelten Romanhandlung die DDR-Gegenwart meint, darauf wird auch im Buch auf satirische Weise angespielt. Ethan versucht in einem Gespräch mit einer Zeitzeugin, Widersprüchlichkeiten in der Biographie Davids auszuräumen. Das Gespräch soll vom Eunuchen Amenhotep überwacht werden. Ethan will schon zuvor jegliche Bedenken über das Ergebnis der Unterredung zerstreuen, und weist den Haremswächter darauf hin, daß "alle Rede" nur "längst vergangene Zeiten" beträfen.
"Längst vergangene Zeiten", wiederholte der Eunuch. "Und du bist überzeugt, daß gewisse zeitgenössische Persönlichkeiten sich nicht in der Maske der Alten verhöhnt sehen werden? Ist es nicht ein Spruch im Volke Israel: Wer den Spiegel fürchtet, erschrickt vor jedem Tümpel?"[43]
Die DDR-Machthaber fürchteten den Spiegel, der ihnen mit dem "König David Bericht" vorgehalten wurde, das Buch konnte in der DDR zunächst nicht erscheinen. Erst der Umweg über eine Veröffentlichung in der BRD und eine vorübergehende Liberalisierung der Kulturpolitik in der DDR ermöglichten ein Erscheinen des Buches auch in Ostdeutschland.
Leider konnte ich nur in das Druckgenehmigungsverfahren vom April 1973 Einsicht nehmen, die eigentliche Zensurakte (1971?) und auch die Unterlagen zur politischen Einflußnahme im Umfeld beider Verfahren waren aus den schon früher genannten Gründen nicht zugänglich.
Der Akt zum "König David Bericht" vom April/Mai 1973 weist zumindest zwei Besonderheiten auf: Er umfaßt nur ein Gutachten, wobei unklar bleibt, ob die weiteren später entfernt wurden oder ob ein zweites gar nicht mehr nötig war. Das Gutachten selbst wurde vom Leiter des Verlages "Der Morgen" Wolfgang Tenzler verfaßt, die übliche Vorgangsweise, damit einen Lektor zu beauftragen, umgangen.
Das Verlagsgutachten übernimmt nur mehr den Zweck, den historischen Roman Heyms auf eine DDR-konforme Linie umzudeuten. Unter Berufung auf eine unantastbare höhere Instanz, nämlich Friedrich Engels, versucht Tenzler zu belegen, daß Heym die Geschichte aus marxistischer Sicht wiedergegeben hat.[44]
Diese Vorgangsweise, den Inhalt des Romans und Heyms marxistische Sicht der Vergangenheit in den Mittelpunkt des Gutachtens zu stellen, deutet darauf hin, daß Tenzler vom unerwünschten Gegenwartsbezug des Buches ablenken möchte. Auch der von Ethan zu schreibende Bericht selbst wird nicht als Anspielung auf gegenwärtige Verhältnisse in Osteuropa, sondern rein als Wiedergabe historischer Gegebenheiten gesehen. Wenn Tenzler den "König-David-Bericht" als in der damaligen Situation notwendiges "ideologisches Mittel zur Kaschierung des realen Klassenantagonismus zwischen Despoten, Staatsbeamten, Klerus und dem Volk" kennzeichnet, dann versucht er schon von vornherein das Argument zu entkräften, daß mit dem Roman eine mögliche Stalin-Kritik gemeint sein könnte.[45] Wenn Analogien zur Gegenwart festzustellen sind - so Tenzler -, dann nur zu "allen geschichtlichen Erscheinungsformen der Ausbeuterherrschaft" und somit auch zu den westlichen Systemen:
"Insofern ist er [= der Roman] ein beachtlicher aktueller Beitrag zur Beseitigung von Illusionen über das Wesen des Imperialismus und seiner ideologischen Methoden zur Manipulierung des Bewußtseins der Massen."[46]
Die Rechnung des Verlages geht auf, das Buch kann erscheinen, die ostdeutschen Rezensenten übernehmen die schon von Tenzler skizzierte offizielle Lesart des Romans als Kritik am Westen.
2.3 Stefan Heym "Ahasver" (1981-1988)
Auch der letzte historische Roman Heyms scheiterte vorerst an der Zensurbehörde. "Ahasver", der wohl komplexeste und beste historischer Roman des Ostberliner Autors, kann nach seiner Fertigstellung 1981 nur im Westen erscheinen.
Der Roman über den Mythos des Ewigen Juden handelt in vier verschiedenen Zeitebenen. Neben einer Ebene der Zeitlosigkeit, einer zur Zeit Christi angesiedelten Handlung, einem in der Mitte des 16. Jahrhunderts angesiedelten Handlungsstrang führt der Roman den Leser auch in die DDR-Gegenwart. Und in dieser letzten Zeitebene sind die Hauptgründe für das Verbot des "Ahasver" zu sehen. In der Akte des Druckgenehmigungsverfahrens aus dem Jahr 1987 wird ausführlich auf die "Problemstellen" des Buches eingegangen.
Der Akt besteht aus dem Verlagsgutachten von Annegret Herzberg, dem Außengutachten von Werner Neubert und einer unüblich langen Bemerkung des zuständigen Beamten. Die Fakten, daß das Verfahren in der außerordentlich kurzen Zeit von 14 Tagen abgewickelt wurde und daß alle Gutachten und sogar die Anmerkung des Zensors auf eine Genehmigung abzielen, deuten darauf hin, daß erneut die Entscheidung nicht auf dem üblichen Wege in der HV "Verlage und Buchhandel" gefällt wurde. In einem Interview kurz nach dem Ende der DDR, deutet Honecker auch an, wer für die Druckgenehmigung im Fall "Heym" zuständig war: Honecker selbst.[47]
Die inkriminierten Stellen des Romans finden sich, wie schon gesagt, in jener in der DDR-Gegenwart angesiedelten Handlungsebene. Siegfried Beifuß, Professor für wissenschaftlichen Atheismus in Ostberlin, beginnt einen ausführlichen Briefwechsel mit Prof. Jochanaan Leuchtentrager von der Hebrew University in Jerusalem über die Figur des "Ahasver". Beifuß zweifelt die reale Existenz eines "Ahasver" an, wird dann aber von Leuchtentrager, der schon durch die Namensgebung unschwer als Lucifer zu entziffern ist, und dem Ewigen Juden in Ostberlin aufgesucht und von diesen beiden in der Silvesternacht 1980/81 in die Hölle entführt. Dieser Teil der Handlung wird in Form von Untersuchungsberichten, die von der Staatssicherheit wegen der vermuteten "Republikflucht" angefertigt werden, wiedergegeben.
Der Flug von Beifuß über die Mauer bedarf zwar in den Gutachten einer zusätzlichen Erklärung, ein Hindernis für eine Veröffentlichung des "Ahasver" dürfte diese Stelle aber nicht dargestellt haben. Für den Zensurbeamten ist das "Verschwinden" des Professors schlicht und einfach nur als Fahrt zur Hölle aufzufassen und Werner Neubert empfindet die Szene als "adäquaten Kunstgriff".[48]
Die tatsächlichen Hindernisse für eine Veröffentlichung des Romans sind zwei Nebenbemerkungen, die das Verhältnis der DDR zu den sozialistischen Bruderstaaten und deren Verbündeten belasten hätte können.[49] Erwähnt werden nämlich im Roman die "arabischen Freunde in Beirut" und die Beziehungen der DDR zum Iran. Die Verlagslektorin Herzberg versucht die Bedeutung dieser zwei Äußerungen zu relativieren.
"Wir möchten aber auch darauf hinweisen, daß in diesem Briefwechsel auf die außenpolitischen Fragen Bezug genommen wird, so auch auf die Beziehung der DDR zum Iran [...] wie auch zu den arabischen Freunden in Beirut [...], deren Beurteilung außerhalb unserer Kompetenzen liegt, auch wenn wir diese Bemerkungen nicht für so erheblich halten, daß sie dem Erscheinen des Buches im Wege stehen sollten. (Letzters besonders im Hinblick darauf, daß dieser Briefwechsel fiktiv ist.)"[50]
Trotz aller Bedenken glaubt auch der Zensor im Ministerium, daß das Buch in der DDR erscheinen sollte. Ausdrücklich wird von ihm aber darauf hingewiesen, daß er nicht allein die Verantwortung für die Publikation tragen möchte:
"Meiner Meinung nach sollte uns das nicht hindern, den Roman zu veröffentlichen. Wenn ich mich für eine Druckgenehmigung ausspreche, gehe ich auch davon aus, daß das Vorhaben abgestimmt ist."[51]
Das Buch erscheint 1988 im "Buchverlag Der Morgen", 7 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in der BRD. Zwei "Nebenwirkungen" der Zensur werden am Fall "Ahasver" sichtbar. Zum einen konnte die Zensur das Erscheinen von Büchern nur aufhalten, nicht aber längerfristig verhindern. Zum anderen hat die Zensur eine unbeabsichtigte Werbefunktion. Bücher, die in der DDR verboten waren, konnten in der BRD höhere Verkaufserfolge verbuchen.
3. Die Methoden der Staatssicherheit - Joachim Walther "Bewerbung bei Hofe" (1982)
Schließen möchte ich mit dem Roman "Bewerbung bei Hofe" von Joachim Walther. Walther, selbst ein Opfer der Stasi, thematisiert in diesem Roman das Verhältnis von Geist und Macht aber auch die Methoden der Staatssicherheit. Der Roman zeigt eine kurze Episode im Leben des Lyrikers Johann Christian Günther,[52] der vergeblich versucht, am Hofe des sächsischen Kurfürsten August II. in Dresden eine Stellung als Hofdichter zu erlangen. Im Roman wird das Schicksal Günthers nur indirekt aus der Sicht des Zeremonienmeisters und Lyrikers Johann von Besser gezeigt.
Johann von Besser ist zwar der Mentor Günthers am Dresdner Hof, seine Einstellung zum Leben als Dichter unterscheidet sich von der Günthers aber grundlegend. Besser ist Staatsdichter, verfaßt Gedichte für bestimmte Anlässe im Sinne des Auftraggebers, Günther glaubt eine freie Poetenexistenz ausleben zu müssen und sieht sich nur der reinen Kunst verpflichtet.
Günther soll sich mit Hilfe Bessers die Gunst des Hofes erwerben, was aber seiner persönlichen moralischen Einstellung zuwiderläuft. Für den schlesischen Dichter bieten sich letztlich keine Alternativen zur Existenz als Hofdichter, außer zu verhungern. Aber schon bei der ersten Audienz beim Kurfürsten scheitert Günther an der an ihn herangetragenen Aufgabe. Er verläßt schließlich, jeglicher Hoffnung beraubt, die sächsische Hauptstadt.
In dem Tagebuch des Zeremonienmeisters wird dem Lebenswandel Günthers und dessen Lyrik breiter Raum gewidmet. Bessers Informationen über den schlesischen Dichter, die er dabei ausführlich kommentiert einfließen läßt, werden nicht nur aus eigener Erfahrung gespeist. Johann von Besser unterhält einen Spitzel, von ihm "Monsieur Délateur" genannt.
"Monsier Délateur" übernimmt beim "Operativen Vorgang Günther" zwei Aufgaben. Zum einen überwacht er dessen Lebenswandel, begleitet ihn verdeckt in jeder Situation, belauscht jedes Gespräch. Zum anderen kopiert er die Gedichte Günthers und leitet diese an Johann von Besser weiter, nachdem er sie für einen weiteren Dienstgeber, dem Polizeiminister, auf politische Aussagen hin analysiert hat. Sein Verhältnis zur Literatur läßt den Spitzel als das erscheinen, was Günter de Bruyn in einem Essay zum Thema Zensur als "prinzipienfesten Ignoranten" bezeichnet hat. "Monsier Délateur" über sein Kunstverständnis:
"Die Kunst betrachte ich auf meine Weise. Mit wachem Auge. Da bin ich Fachmann. Das genügt. Da kann einer etwas noch so gut in seinem Werk verstecken, ich finde es auf jeden Fall heraus. [...] ein Gedicht: Nichts als eine Summe hintereinander- und untereinandergeschriebener Wörter, bei denen ich ausschließlich darauf sehe, daß kein Wort und kein versteckter Hintersinn darin enthalten, welche Majestät und Sachsen schaden könnten. Genuß an Kunst? Wieso?"[53]
Das von Walther im Roman aufgegriffene Thema, nämlich das Verhältnis von Schriftsteller zu Staat, ist allein schon Anlaß genug, daß die Zensurbehörde im Kulturministerium den Text mit Argusaugen betrachtet. Joachim Walther berichtet anläßlich einer Ausstellung über die Zensurpraxis vom langen Weg des Romans durch die Instanzen.[54]
"Das Buch wurde nach der Vorzensur im Verlag (bei der z.B das Wort Mauer, [was sich aber auf die Dresdner Stadtmauer bezog], synonymisch ersetzt (wurde) durch: Fortifikation, Wall, etc.)[55] schließlich von einem Zensor sehr genau und sehr lange gelesen. Mir gerieten seine Bemerkungen in die Hände, seitenlange Anmerkungen zu sogenannten Stellen. Das Schöne daran war, daß er sich alle Jacken anzog, die ich in den Text gehängt hatte, und siehe da: sie paßten hervorragend, wie auf den Leib geschneidert."[56]
Unter anderem treffen jene Stellen, in denen die sächsische Zensurpraxis und die Kontrolle der Schriftsteller durch den Staat beschrieben werden, auf den Widerstand des Zensors. Dieser teilt seine negative Beurteilung dem Verlag mit, der wiederum dem Wunsch der Behörde sofort nachkommt. Walther berichtet über die weitere Vorgangsweise:
"Kurzum, der Verlag teilte mir mit, daß er seine Zusage, das Manuskript angenommen zu haben, zurückziehe - und zwar, so wörtlich, da sich die politische Lage verändert habe, sich der Klassenkampf insbesondere auf dem Gebiet der Ideologie ständig verschärfe. So kam's, daß der Roman erst nach zwei Jahren erschien [...]."[57]
Jahre bevor der Roman erscheinen konnte, wird der Inhalt des Buches Teil der Stasi-Akte "Verleger". So notiert etwa Unterleutnant Findeklee vom Staatssicherheitsdienst am 9.5.1979 Informationen, die ihm GMS "Bernd" (Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit) nach einer Lesung Walthers in VEB Landmaschinenbau Güstrow mündlich übermittelt. Aufgabe des Informanten war es dabei nicht nur, den Inhalt der Lesung wiederzugeben, sondern auch dem Staatssicherheitsdienst Interpretationsansätze zu liefern. Bezeichnend für die Situation im Überwachungsstaat DDR ist der Stil des Berichts. GMS "Bernd" deutet die nach der Lesung erfolgende Diskussion über das Buch in ein Verhör um, in dem Walther auch zu einem "überraschenden" Geständnis gebracht werden kann:
"Walther erschien ganz in Jeans (Hose und Hemd). Er beobachtete die Anwesenden, und der GMS hatte den Eindruck, als wenn er Genossen (mit Parteiabzeichen) besonders gründlich studierte. Er begann seine Lesung mit den Worten, daß er aus einem Manuskript zu einem historischen Roman sprechen wird, denn alle seine Versuche, Gegenwartsliteratur zu produzieren, seien von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil er dort zuviel herausoperiert bekommt.
Auf die Frage, inwieweit der historische Roman autobiographische Züge trägt, antwortete der Schriftsteller sehr ausweichend. Es konnte entnommen werden, daß er sich mit dem zum Scheitern verurteilten Schriftsteller identifiziert. Er gab noch zu, daß das angebliche Tagebuch erfunden ist und daß es aus seiner Feder stammt."[58]
Abschließen möchte ich mit einer weiteren Analogie zum DDR-Literaturbetrieb, die Joachim Walther in seinem Roman anklingen läßt: In einem Disput zwischen Besser und Günther wird angesprochen, welche politische Funktion Literatur haben könnte. Johann von Besser glaubt zu wissen, daß die Geschichte "nicht von der Poesie" gemacht werde, daß die Dichtkunst nicht die "Unruh des großen Uhrwerks" sein müsse. Günther widerspricht dieser Auffassung und zieht folgenden Schluß: "Würden Worte nichts bewegen [...] dann könnte man auf die Zensur verzichten."[59]
Die Schlußfolgerung, daß aus der Überwachung der Literatur durch den Staat die gesellschaftliche Bedeutung der Schriftsteller abzuleiten wäre, war in der DDR unter den Autoren weit verbreitet. In einem Essay weist aber Rolf Schneider darauf hin, daß es sich dabei nur um einen Trugschluß gehandelt haben kann:
"Den Künstlern wurde [...] ein Gefühl der eigenen gesellschaftlichen Bedeutsamkeit eingegeben. Wenn man sie so observierte, wo nicht verfolgte, mußte ihr Tun dann nicht in der Tat sehr erheblich sein? Sie übersahen oder wollten nicht sehen, daß es sich bei alledem bloß um ein monströses Mißverständnis handelte, wurzelnd in der skandalösen Dummheit der politischen Klasse."[60]
Anmerkungen
[1] Frank Thiess: Sind "Historische Romane" noch möglich? In: Wort in der Zeit, 4. Jg. 1958, Nr. 2, S. 97-99; Vgl. auch: Franz Theodor Csokor: Ist der historische Roman noch möglich? In: Wort in der Zeit, 8. Jg. 1962, Nr. 2, S. 46-50.
[2] Dokument 52. "Verordnung über die Entwicklung fortschrittlicher Literatur." (16. August 1951). In: Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED. Hrsg. von Elimar Schubbe. Stuttgart: Seewald 1972, [Bd. 1], S. 203. Wie auch aus einer Grundsatzrede Walter Ulbrichts aus dem Jahr 1966 hervorgeht, werden die Verlage zur ideologischen Zusammenarbeit verpflichtet: "Die Verlage dürfen zum Beispiel nicht nur vom geschäftlichen Standpunkt, sondern sollen vom Standpunkt des politisch-kulturellen Wirkens unter Beachtung der Rentabilität geleitet werden." Walter Ulbricht: Zu einigen Fragen der Literatur und Kunst. aus der Rede auf dem 11. Plenum. In: Neue Deutsche Literatur, 14. Jg. 1966, Nr. 2, S. 9.
[3] Ebd. S. 203.
[4] Irma Hanke: Alltag und Politik. Zur politischen Kultur einer unpolitischen Gesellschaft. Eine Untersuchung zur erzählenden Gegenwartsliteratur der DDR in den 70er Jahren. Opladen: Westdeutscher Verlag 1987 (= Studien zur Sozialwissenschaft 61), S. 60.
[5] Günter de Bruyn: Unparteiische Gedanken über die Zensur. In: Heinrich Hubert Houben: Hier Zensur - wer dort? Der gefesselte Biedermeier. Leipzig: Reclam 1990 (Universal-Bibliothek 1340), S. 473.
[6] Joachim Walther: Jacken, die ich in den Text gehängt hatte. In: Wichner, Ernst und Wiesner, Herbert: Zensur in der DDR. Geschichte, Praxis und "Ästhetik"der Behinderung von Literatur. Ausstellungsbuch. Berlin: Literaturhaus 1991, S. 26.
[7] Daß es verschiedene Phasen in der Zensurgeschichte gegeben hat, deutet Rolf Schneider in einem Essay 1994 an: "[...] Insgesamt gliederte sich die Entwicklung der DDR-Künste in Perioden der nachlassenden und dann wieder in solche der zupackenden zensoralen Macht. Auf Zeiten des fast vollständigen Kahlschlags folgten jene einer verklemmten Liberalität." Rolf Schneider: Das Schweigen der Schafe. In: Merkur, 48. Jg. 1994, Nr. 543/6, S. 539.
[8] Brief von Joachim Walther an den Verfasser, (1995).
[9] Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: Links 1996 (= Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten 6).
[10] Auf die ohnehin allen bekannte politische Herkunft Gotsches wird von der Verlagsgutachterin Helga Duty in ihrer Expertise ausdrücklich hingewiesen: "Parteilichkeit eines alten Genossen, politische Weitsicht eines Staatsmannes, harte Arbeit eines Schriftstellers haben hier ein Manuskript zustande gebracht, das zweifellos ein Novum in unserer Literatur und ein beachtlicher Beitrag zur Entwicklung proletarischen Geschichtsbewußtseins ist." Verlagsgutachten von Helga Duty zu Otto Gotsche, "Mein Dorf", 28. 8. 1973, Akten des MfK, DR1 2177, o.Bl.
[11] Druckgenehmigungsverfahren zu Stefan Heym, "Ahasver", Akten des MfK, DR1 2326.
[12] Manfred Jäger: Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literaturlenkung in der DDR. In: Ernst Wichner und Herbert Wiesner (Hrsg.), "Literaturentwicklungsprozesse". Die Zensur der Literatur in der DDR. Frankfurt a. M.; Suhrkamp Verlag 1993 (= edition suhrkamp 1782, NF. Bd. 782), S. 35.
[13] Gutachten von U. Stöpel zu Rosemarie Schuder, "In der Mühle des Teufels", 17. 2. 1959, Akten des MfK, DR1 5072, Bl. 14.
[14] Gutachten von Paul Friedländer zu Rosemarie Schuder, "In der Mühle des Teufels", 16. 3. 1959, Akten des MfK, DR1 5072, Bl. 12.
[15] z.B. Verlagsgutachten von Helga Duty (1973).
[16] Außengutachten von Peter Müller zu Rosemarie Schuder "Die zerschlagene Madonna", 12. 11. 1963, Akten des MfK, DR1 5072, Bl. 41-42.
[17] Druckgenehmigungsverfahren zu Rosemarie Schuder "Die zerschlagene Madonna", Akten des MfK, DR1 5072, Bl. 38.
[18] Außengutachten von Prof. Heinz Kamnitzer zu Hans Lorbeer "Der Widerruf", 23. 9. 1958, Akten des MfK, DR1 5029, Bl. 18.
[19] Brief an das MfK, HA Lit. u. Buchwesen z.H. Herrn Elsholz, 23. Sept. 1958, Akten des MfK, DR1 5029, Bl. 23.
[20] Notiz, Akten des MfK, DR1 5029, Bl. 7 - Rückseite.
[21] Jäger (1993), S. 35. "Von den Parallelen zur Gegenwart war in den Gutachten, die der Publikation voranhelfen wollten, natürlich nicht die Rede. Nicht weil der zur Vorkritik aufgeforderte Spezialist den Text mißverstanden hatte, sondern weil er - der Sache wegen - taktisch argumentierte."
[22] Verlagsgutachten von Joachim Walther zu Martin Stade "Der König und sein Narr", undatiert, Akten des MfK, DR1 2319, S. 2.
[23] Ebd. S. 2-3.
[24] Helmut Strutzmann: Als Historie getarnt. In den DDR-Buchhandlungen - aber nicht in den Auslagen. In: Die Furche, 9. 12. 1977, Nr. 49, S. 11. Vgl. dazu auch einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger: "Da man inzwischen sattsam erfahren hat, wie dünnhäutig die DDR-Oberen auf Kunst reagieren können, stellt es sich nachträglich als ahnungsvolle Vorsichtsmaßnahme heraus, daß Stade ausnahmslos mit historisch verbürgten Romanpersonen umgeht und durch beigefügte Quellen im Anhang das Werk so arangiert, daß man es im Notfall auch als chronikalische Gelehrtenvita - und nichts weiter - lesen kann." Michael Bengel: Gekrümmt durch Jahrtausende. Geschichte wird zur Gegenwart gemacht. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 11/12. 2. 1978, S. 7.
[25] Auf die Frage, ob er bei der Überarbeitung inhaltliche Konzessionen machen mußte, antwortete Heym: "Nein, ich mache keine inhaltlichen Konzessionen aus politischen Gründen." Ebd. S. 348.
[26] Werner Neubert: Der Sinn für das Wesentliche. In: Neue Deutsche Literatur, 22. Jg. 1974, Nr. 8, S. 142.
[27] Stefan Heym: The Lenz Papers. London: Cassell 1964, 714 S.; Stefan Heym: Die Papiere des Andreas Lenz. Ein Roman. 2 Bde. Leipzig: Paul List Verlag 1963, 1065 S.
[28] Regine Otto stößt sich vor allem an der Figur der Prostituierten Josepha, zu der der Titelheld Lenz eine Liebesbeziehung unterhält. Die Scheinmoral der DDR-Gesellschaft wird dabei offensichtlich: "[...] bleibt zu fragen, ob durch eine soziale Aufwertung dieser Gestalt [= Josepha] nicht auch die übrigen Hauptgestalten, vor allem Lenz, gewonnen hätten." Gutachten von Regine Otto zu Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz (übersetzt von Helga Zimnik)", 9. 6. 1963, Akten des MfK, DR1 4000, Bl. 95.
[29] Geschichtswissenschaftliches Gutachten von Dlubek zu Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz", undatiert, Akten des MfK, DR1 4000, Bl. 72.
[30] Ebd. Bl. 73.
[31] Ebd. Bl. 74. Es handelt sich bei dieser inkriminierten Stelle um einen Nebensatz in einem Gespräch zwischen Christoffel und Comlossy. Auf dieses fiktive Gespräch wird auch von den Rezensenten reagiert: "Ich weiß nicht, auf welche Umstellung und Änderung der Organisationsform hier angespielt wird." Werner Ilberg: Fakten und Phantasie. In: Sonntag, 19. Jg., 2.2.1964, S. 8.
[32] Ebd. Bl. 75.
[33] "Der Roman ist zweifellos die bisher bedeutendste Darstellung der revolutionären Klassenkämpfe im 19. Jahrhundert in Deutschland." Gutachten von P. Müller zu Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz", 14.7.1963, Akten des MfK, DR1 4000, Bl. 87.
[34] Im Roman wird ein Jude der Spionage beschuldigt und von der aufgebrachten Menge gelyncht.
[35] Dlubek (1963), Bl. 76.
[36] Müller (1963), Bl. 88.
[37] Druckgenehmigungsverfahren zu Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz", 14.7.1963, Akten des MfK, DR1 4000, Bl. 101.
[38] Die Kürzungen betreffen natürlich nicht nur die Marx-Engels-Szenen des Romans, sind aber hier besonders häufig und auffallend. Ein Vergleich zwischen der Leipziger und der Frankfurter Ausgabe [Stefan Heym: Die Papiere des Andreas Lenz. Ein Roman. 2 Bde. Leipzig: Paul List Verlag 1963, 1065 S.; Lenz oder die Freiheit. Roman. Frankfurt a. M.: Fischer 1993 (= Fischer Taschenbuch 1990), 710 S.] ließ allein schon bei der Einteilung der Kapitel grobe Abweichungen erkennen: Bis zum 19 Kapitel ist die Zählung ident. Das 20. Kapitel fehlt. Das 25. und das 26. Kapitel sind anders aufgeteilt. Das 37. Kapitel ist bis auf den Auszug aus Engels' "Reichsverfassungs-Campagne" gekürzt und ins nächste Kapitel integriert. Zahlreiche Textstellen wurden von Heym in der Westausgabe gestrichen. Allein in den ersten zwei Kapiteln wurden 26 Absätze ganz oder zum Teil weggelassen. Um einen Eindruck von den Kürzungen vermitteln zu können, sollen im folgenden die umfangreichsten Streichungen in der Frankfurter Ausgabe aufgelistet werden (Seitenangaben nach der Leipziger Erstausgabe): 5. Kap. 112-123; 11. Kap. 296-303; 13. Kap. 336 u. 343-346; 16. Kap. 426-430; 18. Kap. 463-470; 19. Kap. 506-510; 20. Kap. fehlt; 21. Kap. 563-566; 25. Kap. 674-706; 26. Kap. 707; 29. Kap. 807-810; 30. Kap. 812-813; 34. Kap. 928-931; 37. Kap. fehlt bis auf das "Dokument" vollständig.
[39] Einige ausgewählte Textbeispiele, die in beiden Versionen zu finden sind: "Der junge Mann mit dem rötlichen Bart und der hohen Stirn blinzelte kurzsichtig auf eine Manuskriptseite." S. 48/64. "Besonderes Kennzeichen: spricht sehr rasch und ist kurzsichtig" S. 239/347-348. "Engels lenkte sein Pferd auf einen der Wagen zu und blinzelte kurzsichtig auf den Verband [...]." S. 446/710. "Die Dringlichkeit der Sache verursachte ein leichtes Stottern." S. 479/763.
[40] Daß Themen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung mit mehr Sensibilität von der Zensur beachtet wurden, mag auch eine handschriftliche Notiz am Titelblatt der Lenz-Akte belegen: "Verlag wurde telefonisch gebeten zu prüfen, ob die im Ms. verwendeten Textstellen von Marx, Engels usf. entsprechend unserem Rundschreiben vom 16. 1. 62 der Zustimmung des Instituts f. M[arxismus]-L[eninismus] bedürfen." Druckgenehmigungsverfahren zu Stefan Heym "Die Papiere des Andreas Lenz", Akten des MfK, DR1 4000.
[41] Ebd. S. 205.
[42] Ebd. S. 207.
[43] Ebd. S. 106-107.
[44] "Es wird gezeigt, wie die Entwicklung der Produktivkräfte, die zweite große Arbeitsteilung, die Warenproduktion und die Entstehung ansehlichen Privateigentums die Spaltung der Gesellschaft in Klassen, in Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete hervorgebracht haben. Die an den despotischen Hauptexponenten dieses Prozesses: Saul, David und Salomo abgehandelte Staatsbildung und politische Einigung der israelitischen und judäischen Stämme von oben und die mit dem ersten Auftreten von Staaten der Klassenherrschaft sofort verbundene Loslösung der Organe der Gentilverfassung von ihrer Wurzel im Volk, sowie die Umkehrung der Gentilverfassung aus einer Organisation von Stämmen zur freien Ordnung ihrer eigenen Angelegenheiten in eine despotische Staatsverfassung zur Plünderung und Bedrückung der Nachbarn und zur Herrschaft und Bedrückung gegenüber dem eigenen Volk (Engels) ist der Hauptinhalt des Romans." Verlagsgutachten von Wolfgang Tenzler zu Stefan Heym "Der König David Bericht", Akten des MfK, DR1 2318, Bl. 3.
[45] Ebd. Bl. 4.
[46] Ebd. Bl. 4.
[47] "Was die Sache mit den Buchverlagen betrifft, die sich nach oben so zu verhalten hatten, ergab sich das wahrscheinlich kraft des Kulturministeriums, das das exerziert hat. Das wäre für mich egal gewesen. Ich habe den Stefan Heym vollkommen drucken lassen, ohne Beschluß". Jäger (1993), S. 19.
[48] "Zum "Verschwinden" des Professors Beifuß aus der DDR: Nach meiner Interpretation ist er bei seinem wissenschaftlichen Disput mit Leuchtentrager über die Existenz Ahasvers, des ewigen Juden, im Bemühen um Objektivität sozusagen zwischen die Stühle geraten und wird von diesem (Lucifer) und Ahasver geholt." Fuchas (?), Bl. 4. "Denkt man - was den Schlußteil des Romans betrifft - z.B. an Majakowskis Schwitzbad, so ist das mysteriöse Verschwinden des DDR-Philosophen Beifuß durchaus als adäquater Kunstgriff aufzufassen und zu akzeptieren." Neubert, Bl. 6.
[49] "Ich betone Israel, weil sich auch im Islam ähnliche Tendenzen zeigen, die wir aber in Anbetracht der von unseren sowjetischen Freunden und uns verfolgten politischen Ziele außer acht lassen wollen." Neubert, Bl. 8, bzw. Heym (1992), S. 77. "Beides erfolgte auf Grund einer [...] Mitteilung unserer arabischen Freunde in Beirut." Neubert, Bl. 8, Heym (1992), S. 227.
[50] Herzberg, Bl. 10.
[51] Fuchas (?), Bl. 4.
[52] Walthers Roman ist der zweite, der über Günther in der DDR erscheint: Hanns Julius Wille: Feuer im Wind. Leben und Vergehen des Dichters Johann Christian Günther. Berlin: Verlag der Nation 1955 (zuerst u.a.T. 1938).
[53] Ebd. S. 63.
[54] Leider konnte das Druchgenehmigungsverfahren zu "Bewerbung bei Hofe" trotz längerem Suchen nicht mehr im Bundesarchiv in Berlin bzw. Potsdam aufgefunden werden. Es scheint in den Wendezeiten "verschwunden" zu sein.
[55] "[...] wenn er den Blick auf Dresden richte mit seinen Fortifikationen, den Ravelins, Bastionen und den Wällen." Walther (1984), S. 109 "[...] bewegten uns nun längs der Fortifikation auf die Elbe zu, [...]" Ebd. S. 164. Einmal findet man aber auch das Wort "Mauer": "[...] lief sodann schnurgerade auf Dresdens Mauer zu [...]" Ebd. S. 186.
[56] Joachim Walther: Jacken, die ich in den Text gehängt hatte. In: Wichner und Wiesner (1991), S. 26.
[57] Ebd. S. 27.
[58] Joachim Walther: Ich nahm mir die Freiheit, Pfeife zu rauchen. Heitere Seiten eines dunklen Kapitels. In: europäische ideen, 1993, Nr. 84, S. 39. Ein weiterer Bericht von GMS "Dr. Markus" (27.8.1979) über eine Lesung aus "Bewerbung bei Hofe" enthält ebenfalls einen Interpretationsansatz, der auf die Parallelen zur DDR-Gegenwart verweist. Auffallend ist, daß "Dr. Markus" in seinem Bericht nicht von einer angeblich "gegenwärtigen Situation" spricht, und somit die Aussage des Buches bestätigt: "In diesem Roman kommen mehrfach Passagen zum Ausdruck, die gegenwärtige Situationen an den Dresdner Hof verlagern. So beschreibt W. eine Episode, wie sich der Poet im Selbstgespräch mit dem Chef des Staatsspitzeldienstes unterhält." Ebd. S. 39.
[59] Ebd. S. 179-180. Im Romanfinale geht Günther noch einmal ausführlicher auf die Gedankenfreiheit ein und zieht den Schluß: "Wo der Mensch [...] seine Zunge nicht sein nennen kann, da kann er kaum etwas anderes sein nennen. Die Freiheit, Monsieur, fängt mit der Freiheit an, die Wahrheit zu sagen." Ebd. S. 412.
[60] Schneider (1994), S. 539.